Weiterhin gegen den Strom!

Auf dem Weg zur Großstadt gaben die Verantwortlichen im Rathaus von Villa El Salvador in den vergangenen Jahren viel Geld aus, um aus den staubigen Sandpisten breite asphaltierte Straßen zu machen.

Ein kritischer Blick auf die jüngere Entwicklung von Villa

Von den ärmlichen Hütten der ersten Siedler, die sich anfangs der 1970er Jahre in der Sandwüste am südlichen Rand von Lima festsetzten, ist – zumindest im Zentrum – kaum noch etwas zu sehen. Villa El Salvador hat sich zu einer umtriebigen Großstadt entwickelt. Aber nach Ansicht von Lita Ruiz Linares vom Freien Radio Stereo Villa durchaus nicht immer im Sinne der Gründergeneration und ihrer Vision. Nächstes Jahr feiert Tübingens peruanische Partnerstadt ihr 50-jähriges Bestehen.

Lita Ruiz Linares

Anlässlich dieses Jubiläums fragten wir Lita Ruiz Linares, die Villas Werdegang seit vielen Jahren journalistisch begleitet hat, wie sie die Entwicklung und jüngere Geschichte ihrer Heimatstadt beurteilt. Hier ihre Einschätzung:

Villa El Salvador wurde von Campesinos gegründet, die mit ihren Familien der drückenden Armut in den Andendörfern entflohen, um sich in Lima ein besseres Leben aufzubauen. Weil sie dort nicht geduldet wurden, besetzten sie ein Stück Land in der Wüste am südlichen Rand der Metropole. Solidarisch unterstützt von Studenten und Lehrern aus Lima, erhoben sie ihr Elendsquartier im Jahr 1971 zur Stadt – mit dem ehrgeizigen Ziel, ein Modell für eine zukünftsfähige urbane Siedlung zu schaffen.

“Eine Stadt zu regieren heißt, sie zu organisieren”, lautete das Motto von Michel Azcueta, der als Lehrer an der Gründung von Villa El Salvador beteiligt und dann über viele Jahre Erster Bügermeister war. Nach dieser Devise wurden in der Folge über 2000 Volksorganisationen aufgebaut, die in ihrem Kampf für ein menschenwürdiges Dasein so erfolgreich waren, dass Villa El Salvador bereits nach zwölf Jahren bei der Regierung in Lima die Zuerkennung des Stadtrechts durchsetzen konnte.

Botschafterin des Friedens

International wurde das vorbildliche Entwicklungsmodell spätestens im Jahr 1987 bekannt durch die Verleihung zweier renommierter Friedenspreise: Die Vereinten Nationen feierten Villa El Salvador als “Mensajera de la Paz” (Botschafterin des Friedens), und die Stiftung “Prinz von Asturien” zeichnete die Modellstadt mit dem Preis “Paz con Justicia Social” (“Frieden mit sozialer Gerechtigkeit”) aus. Seither sind weitere 32 Jahre vergangen, in denen Villa auf rund 500.000 Einwohner angewachsen ist und dabei manche seiner gründerzeitlichen Ideale aus dem Blick verloren hat.

49 Jahre sind seit unserer Gründung (1971/2020) vergangen – im nächsten Jahr steht der 50. Geburtstag von Villa an, der zusammenfällt mit der 200-Jahr-Feier unseres Landes. Dies bietet eine Gelegenheit, um über unsere erreichten Ziele, Grenzen und Herausforderungen nachzudenken, wobei es uns bewusst ist, dass unsere Gemeinde keine Insel ist. Und es nie war.

Die vielen Jahre, in denen wir für ein erfolgreiches lokales Experiment verantwortlich waren, mit Beteiligung der Bürgerschaft, mit partizipatorischer Demokratie, mit Planung durch das Volk und sozialer Mobilisierung, verdanken wir der ersten Generation der Siedler*innen, die in dieses riesige Wüstengebiet kamen mit dem Ziel, es umzuformen – unter dem Leitspruch: “Weil wir nichts haben, werden wir alles schaffen”.

Die Begegnung von Bürger*innen, die aus den peruanischen Anden stammten, der katholischen Kirche, die sich für die Ärmsten einsetzte, und Gewerkschaftsführern trug zur Bildung eines wunderbaren Gemeinschaftsexperiments bei, das zwei Jahrzehnte richtungsweisend war.

Die Angst tötete die Liebe

In sechs Jahren hatten wir schon eine funktionierende Wasserversorgung, ebenso ein Abwassersystem sowie Strom, Arztstationen, Bildungseinrichtungen, befestigte Hauptstraßen und – ausgehend von den Häuserblocks und den Wohngruppen – eine dynamische, engagierte nachbarschaftliche Organisation. Hinzu kam die kluge Entscheidung, ein größeres Gebiet für einen Gewerbepark einzuplanen, der heute Realität ist. Wir haben auch eine Universität. Dies sind Errungenschaften, die von den ersten Jahren an geplant waren. All das verdanken wir unserer Identität, Organisation, Mobilisierung und Solidarität als Bürgerinnen und Bürger.

Das Jahrzehnt der terroristischen Gewalt, die hereinbrach mit der Autobombe im Kommissariat von Villa El Salvador und der Ermordung des Kommissars Pércovich, die weiterging mit der Ermordung der Familie Pantigoso, dem Vorsitzenden der Elternvereinigung des Distrikts, der Ermordung von María Elena Moyano und Galindo Echenique, beide stellvertretende Bürgermeister der Stadt. All das waren harte Schläge gegen das erfolgreiche lokale Experiment. Die Angst tötete die Liebe. Dazu zählen wir auch das andere Jahrzehnt der Diktatur der Regierung Fujimori, die sich allen autonomen sozialen Organisationen verschloss und sie folglich schwächte.

Wenn es bei unserem erfolgreichen Modell einen Punkt für Selbstkritik gibt, dann den, dass es versäumt wurde, die nachfolgenden Generationen darauf vorzubereiten, das Experiment fortzuführen und zu verbessern. Angesichts des wachsenden Misstrauens und der schwachen lokalen Identität von heute wird unsere Arbeit schwieriger.

Die früheren Staatspräsidenten Alberto Fujimori und Ollanta Humala sitzen im Gefängnis, Expräsident Alejandro Toledo ist auf der Flucht, Expräsident Alan García hat sich im April 2019 bei seiner Festnahme selbst umgebracht. Ebenfalls im Gefängnis sitzt Susana Villarán, die frühere Bürgermeisterin von Lima, ihr bis 2018 amtierender Nachfolger Luis Castañeda steht inzwischen vor Gericht. Nicht besser sieht es bei den regionalen und lokalen Autoritäten aus: Viele Amtsinhaber sind im Gefängnis oder vor Gericht. Wir haben eine Zivilgesellschaft, die nicht an ihre Autoritäten glaubt. Und eine Justiz, die korrupt geworden ist und nicht mehr für Recht sorgt.

Sie reden nicht mit dem Volk

Bei einem Parlament, das mehrheitlich dem Gedankengut Fujimoris folgt, das Gesetze nicht zugunsten nationaler Interessen erlässt, versteht es sich von selbst, warum etwa der Bildung, der Gesundheit, der menschenwürdigen Arbeit oder dem Schutz der Umwelt kein Vorrang eingeräumt wird.

Wir müssen weiterhin gegen den Strom rudern und mehr Bürger*innen überzeugen, dass es heute an uns, den neuen Generationen, ist, unseren Beitrag zu leisten, so wie gestern unsere Großeltern und Eltern ihre Erfolge erkämpften. Wir müssen säen, um zu ernten.

An vielen Ecken von Villa rufen bunte Wandmalereien die hehren Grundsätze der Stadtgründer*innen in Erinnerung.

Ich denke, dass es für unser Peru nötig ist, die nationalen, regionalen und lokalen Autoritäten davon zu überzeugen, eine Bürgerbefragung zu machen, die aufzeigt, welchen Themen die Politiker Priorität einräumen sollen. Sollten wir dies von der Zivilgesellschaft aus erreichen, wäre es ein großer Beitrag für unser Land. Danach geht es dann darum, die Einhaltung zu überwachen.

Wir müssen uns fragen, was wir als Wähler*innen falsch machen, wenn wir immer wieder Politiker wählen, die nicht mit ihrem Volk reden und ihre Versprechen nicht halten. Der vorige Bürgermeister unseres Distrikts gab das Versprechen, mehr als 200 Überwachungskameras zum Schutz der Bürger aufzubauen – und er ging, ohne auch nur eine einzige zu installieren. Der jetzige Bürgermeister hat vor seiner Wahl das Gleiche angeboten. Inzwischen ist er sieben Monate im Amt, und wir sehen noch immer keinerlei Anzeichen dafür, dass er sein Versprechen erfüllt. Und das, obwohl die Unsicherheit der Bürger ein vorrangiges Problem in ganz Lima ist …    Lita Ruiz Linares

Meldungen

Villa wird heute 50 Jahre alt

Am 11. Mai 1971 haben 2300 arme Familien ihr notdürftiges Hüttendorf im Süden von Lima zur Stadt ernannt. Daraus wurde in 50 Jahren eine Großstadt mit über 500.000 Einwohnern. Ein fröhlich ausgelassenes Geburtstagsfest gibt es heute aber nicht. Wenn trotz der Corona-Pandemie gefeiert wird, dann vor allem in den sozialen Medien.

Zoom into Villa El Salvador

Im Rahmen seiner digitalen Reihe “Zoom into …” erkundigte sich das städtische Kulturamt zuletzt nach der aktuellen Lage in Tübingens peruanischer Partnerstadt Villa El Salvador. Wer den Termin verpasst hat, kann das aufgezeichnete Video-Gespräch jetzt nachhören.

Ein herzliches Dankeschön

Wir hatten uns schon einiges erhofft für unsere notleidenden Partnerprojekte in Villa El Salvador, aber mit solcher Hilfsbereitschaft hatte niemand gerechnet: Dank der enormen Spendenbereitschaft konnten wir im Corona-Jahr 2020 über 50.000 Euro nach Villa überweisen.

Gleich zwei Mal im Fokus

Unsere Beziehungen zu Villa El Salvador sind dieser Tage gleich zwei Mal in den Fokus der Freiburger “Infostelle Peru” geraten – mit der “Geschichte einer langen Freundschaft” und mit dem Buchprojekt “Spätzle trifft Quinoa”.

Impfstoff aus China

Früher als erwartet, traf am 7. Februar eine erste Ladung Covid-Imstoff in Peru ein. Die 300.000 Dosen aus China sollen zunächst das medizinische Personal in den Krankenhäusern vor dem Virus schützen.

Endlich wieder da: Spätzle & Quinoa

Die ersten 1000 Exemplare gingen schneller weg, als es sich die Kochgruppe im “Hirsch” erträumt hatte. Jetzt gibt es ihr “solidarisches Kochbuch” wieder – bunt, kreativ, informativ und druckfrisch in dritter Auflage.