Eine breite Brücke in den fernen Süden

Eine breite Brücke in den fernen Süden
Zwanzig Jahre lang haben Walter Schwenninger (dritter von rechts) und seine Mitstreiter vom „Weltladen“ auf diesen Festakt hingearbeitet: Am 23. September 2006 besiegelten die Tübinger Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer und ihr Kollege Jaime Zea (zweiter von rechts) aus Villa El Salvador die Partnerschaft beider Städte.         Bild: Faden

Zur Geschichte der Partnerschaft von Villa und Tübingen

Der Beginn der Partnerschaft Tübingens mit Villa El Salvador ist eng an das Engagement von Walter Schwenninger geknüpft. Der Politiker der damals neuen Grünen zog 1983 in den Bundestag ein und beschäftigte sich schwerpunktmäßig mit der damals sogenannten Dritten Welt: Vor allem die Friedensbewegung und der Faire Handel waren sein Antrieb, den er mit seiner Arbeit im Bundestag und mit seinem sozialen Engagement vorantrieb.

Der sehr junge Stadtteil Villa El Salvador war in den 1980er Jahren ein Vorbild in Sachen Basisdemokratie und Selbstverwaltung und bekam dafür international große Aufmerksamkeit: Im Jahr 1985 besuchte sogar Papst Johannes Paul II die modellhafte Armensiedlung am Südrand von Lima. Zwei Jahre später wurde Villa mit dem spanischen “Prinz von Asturien Preis für Eintracht” ausgezeichnet und von den Vereinten Nationen zur „Botschafterin des Friedens“ ernannt.

Eines der frühen Partnerschaftsprojekte in Villa, das nicht nur vom Peru-AK, sondern auch von der Stadt Tübingen finanziell unterstützt wurde: eine Werkstatt, in der Jugendliche das Schreiner-Handwerk erlernen konnten (rechts im Bild: Walter Schwenninger).

Auch Walter Schwenninger war durch einen Freiwilligendienst eng mit Südamerika verbunden und lernte dort 1983 seine Frau Nani Mosquera-Schwenninger kennen. 1984 besuchte der Bürgermeister von Villa El Salvador, Michael Azcueta, Tübingen. Seither pflegten Walter Schwenninger und seine Frau den Peru-Arbeitskreis, angeschlossen an das Aktionszentrum Arme Welt e.V., welches den Weltladen in Tübingen betreibt.

Der Peru-AK organisierte regelmäßig Veranstaltungen in Tübingen: Es gab Filmvorführungen, Peru-Tage, Einladungen von Künstlergruppen, Ausstellungen, Konzerte und Studienreisen nach Peru. Auch ein aufwändiges, von der Stadt Tübingen gefördertes  Jugendschreiner-Projekt wurde mit Hilfe des Goethe-Instituts vom Peru-AK in Villa umgesetzt.

Von der Projekt- zur formalen Städtepartnerschaft

Schon bald entwickelten sich die Verbindungen über den Peru-AK hinaus: Das Tübinger Uhland-Gymnasium pflegt seit 1992 eine Partnerschaft mit dem Colegio Fe y Alegría 17. Für diese Partnerschaft wurde der „Verein zur Förderung von Bildung und Erziehung e.V.“ gegründet, der die Zusammenarbeit beider Schulen mit Spenden und Know-How unterstützt. Am Uhland-Gymnasium gestaltet die Peru-AG aktiv die Schulpartnerschaft mit.

Städtepartnerschaften wachsen im Normalfall über stetiges Engagement. So dauerte es auch im Fall von Tübingen und Villa El Salvador einige Jahre, bis aus der Verbindung zunächst eine Projektpartnerschaft (ab 1991) und schließlich eine Städtepartnerschaft entstand. Nach vielen Jahren der Förderung einzelner Projekte bot der Tübinger Gemeinderat Villa El Salvador 2005 eine komplette Städtepartnerschaft an. Am 23. September 2006 wurde dieser “Hermanamiento” im Tübinger Rathaus von Villas Bürgermeister Jaime Zea Usca und Tübingens Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer feierlich besiegelt. Damit wurde auch festes Budget im Haushalt für die Partnerschaftsarbeit verankert, welches über die Jahre stetig wuchs.

Ein Ziel zu Beginn der Partnerschaft war die Einrichtung eines Austausches von Freiwilligen, der im Jahr 2009 erstmalig durch den Einsatz von zwei weltwärts-Freiwilligen des Uhland-Gymnasiums an der Schule Fe y Alegría umgesetzt wurde. Seit 2015 gibt es auch regelmäßig einen Freiwilligen aus Villa El Salvador in Tübingen.

Die offizielle Partnerschaft brachte auch eine neue Dynamik in die Beziehungen: So gründete sich – aus dem Peru-AK heraus – im Dezember 2006 der Partnerschaftsverein Tübingen-Villa El Salvador e.V.. Die Stadtverwaltung nahm über die folgenden Jahre Kontakt zu den anderen Partnerstädten Villa El Salvadors in Europa auf, um gemeinsame Aktionen besser zu koordinieren.

Bei jedem Austausch entwickelten sich neue Freundschaften

Im Jahr 2009 reiste Tübingens Erster Bürgermeister Michael Lucke zum ersten Mal in die Partnerstadt, um weitere Kontakte aufzubauen und den ersten Einsatz der Freiwilligen vorzubereiten. Im Jahr 2011 entstand die Verbindung zwischen dem Tübinger freien Radio „Wüste Welle“ und dem Radiosender „Stereo Villa“. Seither strahlen sie einmal pro Monat eine gemeinsame Sendung aus. Später folgte auch der Einsatz von Weltwärts-Freiwilligen im bürgerschaftlich organisierten „Centro de Comunicación Popular“, zu dem neben dem Radio “Stereo Villa” auch der lokale Fernsehsender “TV Villa” gehört.

Die zweite Rathaus-Delegation, die 2012 nach Villa reiste, besuchte auch die Senioren-Tagesstätte “Los Martincitos”. Bald darauf entwickelte sich ein reger Austausch zwischen den “Martincitos” und der Begegnungsstätte “Hirsch”.

Im Jahr 2012 folgte eine zweite Reise von Bürgermeister Lucke, die zum einen dazu führte, dass eine Verbindung der Tübinger “Hirsch”-Begegnungsstätte für Ältere mit “Los Martincitos” entstand – einer kirchlich getragenen Tagesstätte für bedürftige Senioren*innen in Villa. Diese Verbindung hat sich über die Jahre im regelmäßigen “Solidaressen” im “Hirsch”und weiteren Aktionen wie dem Austausch von Briefen und Geschenken manifestiert.

Zugleich wurde auf der Delegationsreise ein größeres Projekt mit der Nichtregierungsorganisation DESCO (Zentrum für Studien und Entwicklungsförderung) und den anderen Partnerstädten Villa El Salvadors vorbereitet, welches im Jahr 2013 und 2014 durchführt wurde: Mit Workshops an zwei Schulen und mit der Einführung einer Mülltrennung wurde das wichtige Thema der Vermeidung, Sortierung und Verwertung von Abfällen intensiv besprochen und nachhaltig verankert.

Die Städtepartnerschaft mit Villa El Salvador ist seit Beginn aus der Bürgerschaft gewachsen und von ihr getragen. Aus diesem Grund spielen auch die lokalen Einrichtungen wie das Uhland-Gymnasium, die “Hirsch”-Begegnungsstätte und das Radio Wüste Welle in dieser Partnerschaft eine herausragende Rolle. Der Kontakt zwischen den beiden Verwaltungen beschränkt sich auf den Austausch der offiziellen Korrespondenz.

Wegen Covid fällt die Bürgerreise zur 50-Jahr-Feier in Villa aus

Der Fachbereich Kunst und Kultur, der alle Städtepartnerschaften betreut, organisiert aber regelmäßig Runde Tische, um die unterschiedlichen Aktivitäten der vielen Engagierten gut zu koordinieren und auch finanziell zu unterstützen. Aus dieser Zusammenarbeit heraus ist auch eine gemeinsame Bürgerreise im Jahr 2016 entstanden, an der sowohl Stadtverwaltung als auch “Hirsch”, Wüste Welle, der Partnerschaftsverein und das Uhland-Gymnasium teilgenommen haben. Im folgenden Jahr konnte ein Gegenbesuch der wichtigsten Akteure in Tübingen organisiert werden.

Aktuell ist die Partnerschaft sehr lebendig: 2019 wurde erstmals ein Schüleraustausch von Villa nach Tübingen organisiert, der Gegenaustausch 2020 nach Villa fiel leider der Corona-Pandemie zum Opfer. Dafür konnte die “Hirsch”-Begegnungsstätte ein Kochbuch mit Rezepten ihres “Solidaressens” veröffentlichen, welches ein herausragender Erfolg war.

Das Jubiläum des 50-jährigen Bestehens der Stadt Villa El Salvador im Jahr 2021 kann aufgrund der Pandemie nicht mit einer großen Bürgerreise begangen werden. Diese soll aber bei Gelegenheit nachgeholt werden.

Stephan Klingebiel, Kulturamt Tübingen, Januar 2021

Die Municipalidad in Villa El Salvador: Der Kontakt zwischen den beiden Rathäusern in Villa und Tübingen beschränkt sich derzeit im wesentlichen auf den Austausch der offiziellen Korrespondenz.

Meldungen

Villa wird heute 50 Jahre alt

Am 11. Mai 1971 haben 2300 arme Familien ihr notdürftiges Hüttendorf im Süden von Lima zur Stadt ernannt. Daraus wurde in 50 Jahren eine Großstadt mit über 500.000 Einwohnern. Ein fröhlich ausgelassenes Geburtstagsfest gibt es heute aber nicht. Wenn trotz der Corona-Pandemie gefeiert wird, dann vor allem in den sozialen Medien.

Zoom into Villa El Salvador

Im Rahmen seiner digitalen Reihe “Zoom into …” erkundigte sich das städtische Kulturamt zuletzt nach der aktuellen Lage in Tübingens peruanischer Partnerstadt Villa El Salvador. Wer den Termin verpasst hat, kann das aufgezeichnete Video-Gespräch jetzt nachhören.

Ein herzliches Dankeschön

Wir hatten uns schon einiges erhofft für unsere notleidenden Partnerprojekte in Villa El Salvador, aber mit solcher Hilfsbereitschaft hatte niemand gerechnet: Dank der enormen Spendenbereitschaft konnten wir im Corona-Jahr 2020 über 50.000 Euro nach Villa überweisen.

Gleich zwei Mal im Fokus

Unsere Beziehungen zu Villa El Salvador sind dieser Tage gleich zwei Mal in den Fokus der Freiburger “Infostelle Peru” geraten – mit der “Geschichte einer langen Freundschaft” und mit dem Buchprojekt “Spätzle trifft Quinoa”.

Impfstoff aus China

Früher als erwartet, traf am 7. Februar eine erste Ladung Covid-Imstoff in Peru ein. Die 300.000 Dosen aus China sollen zunächst das medizinische Personal in den Krankenhäusern vor dem Virus schützen.

Endlich wieder da: Spätzle & Quinoa

Die ersten 1000 Exemplare gingen schneller weg, als es sich die Kochgruppe im “Hirsch” erträumt hatte. Jetzt gibt es ihr “solidarisches Kochbuch” wieder – bunt, kreativ, informativ und druckfrisch in dritter Auflage.