Der Partnerschaftsverein – eine Plattform für den Austausch mit Villa

Die Lateinamerika-Gruppe des Tübinger Weltladens warb schon vor 40 Jahren für einen intensiven Austausch mit Villa El Salvador. Hinter dem Info-Tisch am Holzmarkt:  Nani Schwenninger (Mitte) und Wolfgang Bock (links) – zwei Aktivisten der ersten Stunde, die sich noch heute intensiv für die “Partnerschaft auf Augenhöhe” engagieren.

Über viele Brücken verbunden

Walter Schwenninger

Unser Verein zur Förderung der Partnerschaft zwischen Tübingen und Villa El Salvador wurde im Dezember 2006 gegründet. Zum ersten Vorsitzenden wurde damals der Lehrer und vielfach engagierte Grünen-Politiker Walter Schwenninger gewählt. Aber begonnen hatte alles schon viel früher – im Jahr 1982. Die ersten Kontakte nach Villa El Salvador knüpfte damals die Lateinamerika-Gruppe des Tübinger Weltladens. Walter Schwenninger und seine aus Peru stammende Frau Nani stellten die Verbindung zu der Wüstensiedlung am Südrand von Lima her – fasziniert von der Stadt mit der ungewöhnlichen Gründungsgeschichte, die geprägt war vom friedlichen Kampf um Gerechtigkeit und gegründet auf dem Ideal einer solidarischen Gesellschaft.

Als Aktivist der Vereinigten Linken in Peru ließ Michel Azcueta, der erste Bürgermeister von Villa El Salvador, keine Gelegenheit aus, in den Industrieländern auf die desolate Lage in vielen Regionen Lateinamerikas aufmerksam zu machen. Auf zwei seiner Europareisen, in den Jahren 1984 und 1986, besuchte er auch Tübingen, wo er gemeinsam mit dem Peru-AK des Weltladens eine Partnerschaft zwischen beiden Städten als Fernziel ins Auge fasste.

„Die Menschenrechte stärken“ war damals ein wichtiger erster Ansatz, denn in der Zeit von 1980 und 2000 terrorisierte der maoistische „Leuchtende Pfad” (Sendero Luminoso) das Andenland. Auch Villa el Salvador wurde nicht verschont. Im Februar 1992 wurde die Frauenrechtlerin und Vizebürgermeisterin Maria Elena Moyano auf offener Straße vor den Augen ihrer zwei Kinder von einem Terrorkommando erschossen. Ein Jahr später ereilte ihren Nachfolger Rolando Galindo von der “Vereinigten Linken” das gleiche Schicksal.

Erster Kontakt auf Chef-Ebene im Januar 1986: Michel Azcueta zu Gast bei OB Eugen Schmid im Tübinger Rathaus.    Bild: Metz

Bei seinem zweiten Tübingen-Besuch im Januar 1986 wurde Michel Azcueta vom damaligen Oberbürgermeister Eugen Schmid im Rathaus empfangen. An dem vom peruanischen Gast angeregten “Hermanamiento” zeigte sich Schmid anfangs allerdings nur sehr mäßig interessiert – die neun bereits bestehenden Städtepartnerschaften schienen ihm für Tübingen bis auf weiteres genug. Aber ganz ohne Gastgeschenk wollte Schmid seinen weitgereisten Kollegen dann doch nicht verabschieden: Er stellte ihm ein ausgedientes Müllfahrzeug aus dem städtischen Fuhrpark in Aussicht. Es sollte das erste Müllauto in den staubigen Straßen von Villa werden.

Endlich angekommen – und gleich von Nani und Walter Schwenninger inspiziert: der Tübinger Müll-Laster in Villa.

Nach einer gründlichen Inspektion schickte die Stadtverwaltung den ausgemusterten Laster 1987 auf die lange Reise an die peruanische Pazifikküste. Wegen diverser Transport-, Export- und Zollprobleme dauerte es zwei Jahre, bis das Tübinger Geschenk schließlich in Villa El Salvador ankam. Doch der Aufwand lohnte sich: Der hochbetagte Oldtimer tat in Villa noch lange und erfolgreich seinen Dienst. Es ist kein Zufall, dass sich das erste gemeinsame Projekt der beiden Städte dem leidigen Thema Müll widmete – es begleitet uns noch heute, wenn wir mit unseren Partnern über gemeinsame Projekte nachdenken.

1991 stimmte der Gemeinderat schließlich einer Projektpartnerschaft mit Villa El Salvador zu, die dann bei einem Tübingen-Besuch des Bürgermeisters Yoni Rodriguez besiegelt wurde. Damit war ein erstes Etappenziel in Richtung Städtepartnerschaft erreicht. Und schon ein Jahr später fanden im Uhland-Gymnasium die ersten Projekttage zu Peru und Villa El Salvador statt. Dabei wurde der Grundstein für die Schulpartnerschaft zwischen dem Colegio Fe y Alegría und dem Uhland-Gymnasium gelegt – eine freundschaftliche Verbindung, die bis heute intensiv gepflegt wird.

Bürgerreisen und regelmäßige Peru-Tage

Von nun an organisierte der Peru-AK im Weltladen jedes Jahr Peru-Tage, um die Tübinger Bevölkerung über das von ausgedehnten Wüsten, hohen Bergen und tropischen Urwäldern geprägte Land zu informieren und die Partnerschaft voranzubringen – unter anderem auch mit Bürgerreisen nach Peru, die in Zusammenarbeit mit der Tübinger Volkshochschule veranstaltet wurden. Dem hartnäckigen Bemühen des Peru-AKs, besonders von Walter und Nani Schwenninger, und der Offenheit der Oberbürgermeisterin Brigitte Russ-Scherer war es schließlich zu verdanken, dass der Tübinger Gemeinderat am 7. Dezember 2005 den Beschluss fasste, die 14 Jahre zuvor begründete Projektpartnerschaft mit Villa El Salvador nun zu einer offiziellen Städtepartnerschaft auszubauen.

An Weihnachten 2005 sagte Miguel Azcueta, der ehemalige Bürgermeister von Villa: “Wir werden die Erfahrung machen, dass wir in einem gemeinsamen Haus leben und dass wir dazu beitragen können, eine andere Welt zu gestalten, die tausend Mal besser ist als die, in der wir heute leben.” Am 25. September 2006 kam Bürgermeister Jaime Zea Usca nach Tübingen, um hier mit OB Brigitte Russ-Scherer den Partnerschaftsvertrag zu unterzeichnen.

Dass eine solche Partnerschaft nur lebendig bleibt, wenn sich – hüben wie drüben – eine engagierte Gruppe aus der Bürgerschaft stetig darum bemüht, hatte sich schon an den bisher bestehenden Städtepartnerschaften erwiesen. Deshalb lag es nahe, für diese spezielle Aufgabe aus dem Peru AK heraus einen Verein aufzubauen. Im Dezember 2006 war es dann so weit: Der Partnerschaftsverein Tübingen – Villa El Salvador wurde in aller Form gegründet.

Für Frieden und gegen Ungerechtigkeit

Erklärtes Ziel der Gründer*innen wie der heutigen Mitglieder des Vereins war und ist es, die partnerschaftliche Zusammenarbeit zwischen den beiden Städten zu unterstützen und den Austausch von Personen, Gruppen und Institutionen zu fördern. Völkerverständigung, institutionelle Bildung, die Erweiterung des Umweltbewusstseins und die Förderung des Nachhaltigkeitsgedankens sind inhaltliche Ziele, die in unserer Satzung verankert wurden. Gemeinsam wollen wir auftreten für Frieden und gegen Ungerechtigkeit.

In den Folgejahren haben sich viele Aktivitäten verstetigt. So wurden regelmäßig die Peru-Tage organisiert, in denen Walter und Nani Schwenninger und weitere Mitglieder unseres Vereins mit Veranstaltungen zur Wirtschaft, Politik und Kultur von Peru den Tübinger*innen das Land und unsere Partnerstadt nahebrachten. Nach Walters frühem Tod im September 2010 übernahm Nani Schwenninger den Vorsitz des Partnerschaftsvereins und sorgte noch bis 2013 dafür, dass die Peru-Tage weitergeführt wurden.

Die Schüler*innen aus dem Colegio Fe y Alegría, die im Oktober 2018 Tübingen besuchten, und die Senior*innen der Kochgruppe hatten viel Spaß miteinander beim Solidaressen in der Begegnungsstätte “Hirsch”. Der für 2020 geplante Gegenbesuch einer Schülergruppe des Uhland-Gymnasiums musste wegen der Corona-Pandemie abgsagt werden.

Zudem veranstaltete der Partnerschaftsverein regelmäßig Peruanische Filmtage, bei Gelegenheit lud er auch Theatergruppen wie “Vida y Deporte” oder “Arena y Esteras” aus Villa El Salvador nach Tübingen ein. 2013 kehrte Nani Schwenninger zu ihrer Familie nach Lima zurück. Seither unterstützt sie unsere partnerschaftlichen Aktivitäten vor Ort und versorgt uns auch regelmäßig mit Nachrichten aus Villa.

Die unmittelbare Begegnung fördern

Seit der Gründung unseres Vereins haben sich weitere intensive Beziehungen zwischen beiden Partnerstädten entwickelt – wie etwa zwischen Radio Stereo Villa und dem Freien Radio Wüste Welle oder auch zwischen der Begegnungsstätte “Hirsch” und dem Seniorentreff Los Martincitos. Seit 2009 gibt Jahr für Jahr einen Freiwilligen-Austausch über das Weltwärts-Programm der Stiftung Entwicklungs-Zusammenarbeit Baden-Württemberg (SEZ). Anfangs brachte dieser Austausch nur Tübinger Abiturient*innen nach Villa, aber seit 2015 kommen auch regelmäßig Freiwillige von dort nach Tübingen.

Alle diese Partnerschaften werden von unserem Verein unterstützt, der sich längst als Plattform und Koordinationsstelle für die vielfältigen Aktivitäten unterschiedlicher Institutionen oder auch einzelner Bürger*innen (siehe “Annettes Friseursalon” in Villa) versteht. Die lokalen Projekte pflegen einen regelmäßigen Austausch beim Runden Tisch Villa El Salvador und beteiligen sich mit Beiträgen an dieser gemeinsamen Webseite. Die Universitätsstadt Tübingen unterstützt einzelne Projekte organisatorisch und finanziell.

Von Beginn an war es ein wichtiger Schwerpunkt unseres Engagements, die unmittelbare Begegnung zwischen den Menschen in beiden Städten zu fördern. Zuletzt war im Januar 2017 eine größere Reisegruppe aus Villa El Salvador auf Erkundungstour in Tübingen – als Gegenbesuch zu unserer Bürgerreise an Ostern 2015. Aus solchen Begegnungen, die nicht selten zum langjährigen Austausch per Post oder auch in Sozialen Medien führen, erwächst gegenseitiges Verständnis. In diesem Sinne sollten im April 2020 Schüler*innen des Uhland-Gymnasiums nach Peru aufbrechen, um den Besuch einer Schülergruppe des Colegio Fe y Alegria im Jahr zuvor zu erwidern. Die intensiv vorbereitete Reise fiel leider der Corona-Pandemie zum Opfer.           Ute Leube-Dürr

Jugendliche von Fe y Alegría 17 beim Schüler*innen-Austausch in Tübingen.

Meldungen

Villa wird heute 50 Jahre alt

Am 11. Mai 1971 haben 2300 arme Familien ihr notdürftiges Hüttendorf im Süden von Lima zur Stadt ernannt. Daraus wurde in 50 Jahren eine Großstadt mit über 500.000 Einwohnern. Ein fröhlich ausgelassenes Geburtstagsfest gibt es heute aber nicht. Wenn trotz der Corona-Pandemie gefeiert wird, dann vor allem in den sozialen Medien.

Zoom into Villa El Salvador

Im Rahmen seiner digitalen Reihe “Zoom into …” erkundigte sich das städtische Kulturamt zuletzt nach der aktuellen Lage in Tübingens peruanischer Partnerstadt Villa El Salvador. Wer den Termin verpasst hat, kann das aufgezeichnete Video-Gespräch jetzt nachhören.

Ein herzliches Dankeschön

Wir hatten uns schon einiges erhofft für unsere notleidenden Partnerprojekte in Villa El Salvador, aber mit solcher Hilfsbereitschaft hatte niemand gerechnet: Dank der enormen Spendenbereitschaft konnten wir im Corona-Jahr 2020 über 50.000 Euro nach Villa überweisen.

Gleich zwei Mal im Fokus

Unsere Beziehungen zu Villa El Salvador sind dieser Tage gleich zwei Mal in den Fokus der Freiburger “Infostelle Peru” geraten – mit der “Geschichte einer langen Freundschaft” und mit dem Buchprojekt “Spätzle trifft Quinoa”.

Impfstoff aus China

Früher als erwartet, traf am 7. Februar eine erste Ladung Covid-Imstoff in Peru ein. Die 300.000 Dosen aus China sollen zunächst das medizinische Personal in den Krankenhäusern vor dem Virus schützen.

Endlich wieder da: Spätzle & Quinoa

Die ersten 1000 Exemplare gingen schneller weg, als es sich die Kochgruppe im “Hirsch” erträumt hatte. Jetzt gibt es ihr “solidarisches Kochbuch” wieder – bunt, kreativ, informativ und druckfrisch in dritter Auflage.