Ausruhen können wir uns im Himmel

Am zweiten Dienstag jeden Monats geht es hoch her in der HIRSCH-Küche: Es braucht ein Dutzend engagierter Helfer*innen, um für 60 Mittagsgäste ein zweigängiges Menü auf den Tisch zu bringen. Wie man sieht, macht die Arbeit im eingespielten Team großen Spaß.

Ein Koch-Team im Tübinger HIRSCH unterstützt seit 2013 die Betreuung bedürftiger Senioren bei den Martincitos in Villa El Slvador.

 

1. Die Vorgeschichte

2011: Ein Film über persönliche Erfahrungen in Tübingens Partnerstadt Villa El Salvador gab den Anstoß. Christian Haardt und Daniel Wais, ehemalige Schüler des Uhland-Gymnasiums in Tübingen, hatten nach dem Abitur als erste Weltwärts-Freiwillige seit August 2009 ein Jahr lang am Colegio Fe y Alegria, der Partnerschule des Uhland-Gymnaisums, mitgearbeitet. Abschließend drehten sie einen Film über ihren Aufenthalt in Villa El Salvador. Sie hatten auch das Seniorenprojekt Los Martincitos kennengelernt. Was sie in ihrem Film über Los Martincitos zeigten, hinterließ bei den Senior*innen der HIRSCH Begegnungsstätte einen nachhaltigen Eindruck.

2012 besuchte auch Bürgermeister Michael Lucke im Rahmen einer Städtepartnerschaftsreise die Einrichtung von Los Martincitos . Im HIRSCH berichtete er, wie sehr die etwa hundert Senior*innen, die in Los Martincitos betreut werden, auf die Unterstützung durch diese Einrichtung angewiesen sind. Er würdigte auch das außerordentliche Engagement der ehrenamtlichen Mitarbeiter*innen, die mit geringen Mitteln viel bewirken. Es lag auf der Hand, dass Los Martincitos im Rahmen der Städtepartnerschaft ein geeigneter Partner für die Begegnungsstätte HIRSCH sein könnte. Im Folgenden erörterte eine Initiativgruppe im HIRSCH Möglichkeiten einer finanzieller Unterstützung. Man kam auf die Idee des „Solidaressens“: Einmal im Monat kocht ein Team in der Küche des HIRSCH ein Mittagessen und bietet es in der Cafeteria, die 60 Gästen Platz bietet, öffentlich an. Der Erlös wird den Martincitos überwiesen.

2. Wer sind die Martincitos? Der Ursprung und der Name

1987, mithin 16 Jahre nach der offiziellen Gründung der Flüchtlingssiedlung Villa El Salvador in der Wüste südlich von Lima, entstand – ausgehend von einer Selbsthilfe-Initiative – das Programa Especial del Adulto Mayor Los Martincitos: das Seniorenprogramm Los Martincitos. Den Gründer*innen ging es darum, die sozialen Rechte auch der älteren Flüchtlinge zu wahren und ihre grundlegenden Lebensbedürfnisse zu sichern.

In der großen Küche der Martincitos gibt es einiges zu tun, bis erst das Frühstück und bald darauf auch das Mittagessen für die regelmäßig etwa hundert Gäste im großen Saal der kirchlichen Tagesstätte angerichtet ist.

Weil alle Aktivitäten im Gemeindezentrum Oscar Romero, zugehörig zur  Kirchengemeinde San Martin de la Caridad, stattfanden, gab man sich den Namen Los Martincitos: die kleinen Martins. Der heilige Martin von Porres aus Lima (1569/1579 – 1639) war der uneheliche Sohn eines spanischen Adligen und der Tochter afrikanischer Sklaven aus Panama. Als Dominikaner selbst bedürfnislos lebend, widmete er sich insbesondere der Krankenpflege und gründete mit Hilfe von Unterstützern Waisenhäuser und andere karitative Einrichtungen. Er wurde zum Schutzpatron des Pflegepersonals und zum Fürsprecher sozialer Gerechtigkeit. 1962 wurde er heiliggesprochen.

3. Das Programm heute

Die Anliegen der Gründer sind heute so aktuell wie vor über 30 Jahren. Die Senior*innen sind die am meisten vernachlässigte Gruppe in der peruanischen Gesellschaft. Das Modell des Generationenvertrags der traditionellen peruanischen Gesellschaft, nach dem die Alten von ihren Kindern betreut werden, funktioniert in vielen Fällen nicht mehr, weil die Kinder selbst um ihr wirtschaftliches Überleben kämpfen müssen und dazu oft ihre Eltern verlassen. Ein staatlich eingerichtetes Netz für Senior*innen gibt es nicht, sodass viele von ihnen unversorgt und krank alleine leben müssen. Um diese Gruppe kümmert sich das Programa Especial del Adulto Mayor Los Martincitos.

Dreimal wöchentlich werden ca. 100 sehr bedürftige Senior*innen, teilweise noch aus der Gründergeneration von Villa El Salvador stammend, im Gemeindezentrum betreut: Die Betreuung umfasst ein gemeinsames Frühstück und ein Mittagessen in geselliger Atmosphäre, jeweils zubereitet aus frischen Produkten, gesundheitliche Fürsorge in Form von Behandlung und Beratung durch Fachpersonal sowie pädagogische und soziale Fürsorge z. B. durch Alphabetisierungskurse und abwechslungsreiche Beschäftigungsangebote. Auch öffentliche und kirchliche Feste werden vorbereitet und gefeiert.

Organisation und Durchführung des Projekts werden getragen von einem Team von ca. 15 Helfer*innen, die gegen ein geringes Entgelt oder ehrenamtlich arbeiten. Dabei liegt die Hauptverantwortung bei Vertreter*innen der Gemeinde St. Martin. Die Finanzierung des Programms beruht im Wesentlichen auf Spenden und Zuwendungen von sozial tätigen Organisationen außerhalb von Peru. Von der Kommune gibt es keine finanzielle Unterstützung, hin und wieder aber Lebensmittel-Zuwendungen wie z. B. Säcke mit Reis. Die finanziellen Zuwendungen wurden in den letzten Jahren immer geringer, und das angesichts enorm steigender Lebensmittelpreise, insbesondere auch beim Quinoa, dem ursprünglichen peruanische Getreide.

4. Das Projekt “Solidaressen für Los Martincitos”

Im März 2013 startete das Projekt „Solidaressen für Los Martincitos.“ Seitdem wird ohne Unterbrechung an jedem zweiten Dienstag im Monat in der Begegnungsstätte HIRSCH ein Mittagessen gekocht und in der Cafeteria angeboten. Regelmäßig kommen ca. 60 Gäste aus allen Stadtteilen Tübingens und von der städtischen Verwaltung zum Mittagessen in einer angenehm gestalteten Atmosphäre. Es wird kein fester Preis für das normalerweise aus zwei Gängen bestehende Mittagessen verlangt, sondern um eine Spende gebeten. Regelmäßig werden die Gäste über die aktuellen Kontakte mit Los Martincitos informiert.

Das Soli-Team besteht aus ca. 25 Personen, die unterschiedliche Aufgaben wahrnehmen: Organisation der Team-Arbeit, Kochregie und Kochen, begeleitende Tätigkeiten in der Küche, Servieren, Aufräumen und Reinigen, außerdem Verwaltung der Finanzen, anfallende Schreib- und Gestaltungsaufgaben. Einige Mitarbeiter*innen leisten mit ihren Übersetzungsdiensten einen wichtigen Beitrag zur Pflege persönlicher Kontakte über Briefe, Soziale Medien und Telekommunikation zu den Martincitos.

Auch die Gäste in der Cafeteria haben ihren Spaß beim köstlichen Solidaressen, für das sie sich mit einer Spende revanchieren. Viele von ihnen kommen regelmäßig zum allmonatlichen Peru-Treffen und freuen sich auf den Austausch in vertrauter Runde ebenso wie auf neue Gesichter.

Den Initiator*innen des Solidaressens war es von Anfang an wichtig, trotz der eigenen ökonomischen Überlegenheit einen partnerschaftlichen Austausch auf Augenhöhe aufzubauen. Mit dem Spendenerlös des Projekts „Solidaressen für Los Martincitos“ wird das Programm Los Martincitos mit einem regelmäßigen Betrag von mittlerweile 400 Euro im Monat unterstützt. Von Los Martincitos wird immer wieder betont, dass die Regelmäßigkeit und damit Verlässlichkeit der Zuwendung für sie überlebenswichtig sind.

5. Der Austausch

Zu Fuß oder mit dem dreirädrigen Mototaxi sind die 100 Frauen und Männer angekommen. In vertrauter Umgebung setzen sie sich an ihren Stammtisch, sie genießen die angenehme Atmosphäre  und die frisch zubereitete Mahlzeit. Dabei begrüßen sie mit freundlichen Blicken und Gesten die Gäste aus Tübingen.

Es wurde im Laufe der Jahre ein regelmäßiger wechselseitiger Briefkontakt aufgebaut, an dem sich auch immer wieder die Gäste beider Einrichtungen beteiligen. Seit Jahren gehen Briefe mit Grüßen und Fotos von Mitarbeiter*innen und Gästen der beiden Projekte und auch kleine Geschenke hin und her, sodass eine nachhaltige gegenseitige Vertrautheit entstanden ist. Man kennt sich.

Im Frühjahr 2016 besuchte eine Delegation des HIRSCH im Rahmen einer städtischen Partnerschaftsreise Villa El Salvador und Los Martincitos. Ein Höhepunkt des herzlichen Empfangs der Tübinger Delegation bei Los Martincitos war eine temperamentvolle Vorführung von traditionellen Tänzen der peruanischen Senior*innen für die Gäste. Im Frühjahr 2017 kam es zu einem Gegenbesuch von zwei Mitarbeiterinnen des Teams von Los Martincitos in der HIRSCH Begegnunsstätte. Sie wohnten bei hiesigen Team-Mitgliedern, arbeiteten beim Solidaressen mit und lernten soziale Einrichtungen und das Leben in Tübingen kennen.

Auf dem Hintergrund personeller Verflechtungen und aus dem gemeinsamen Anliegen heraus unterstützen sich das Uhland-Gymnasium und das Projekt Solidaressen von Anfang an gegenseitig in ihren Austauschaktivitäten. Bei Peru-bezogenen Aktivitäten und Festen der Schule waren Mitglieder des Hirsch immer wieder beteiligt. Zum Beispiel sang der Singkreis der Senior*innen auf dem Begegnungsfest der Schule bekannte deutsche und internationale Lieder.

Der Höhepunkt der Begegnung “Jung und Alt” fand im Oktober 2018 statt: Eine Schülergruppe von zehn 14-jährigen Schüler*innen von Fe y Alegria war zwei Wochen für eine Projektarbeit im Uhland-Gymnasium zu Gast. Für das Abschlussfest bereitete die peruanische Gruppe mit ihren zwei Lehrer*innen, fünf deutschen Schüler*innen und fünf Mitgliedern des Teams Solidaressen mit großem gemeinsamen Engagement in der Cafeteria des HIRSCH peruanische und deutsche Speisen für das Buffet des Abschlussabends vor. Es war ein heiteres Treffen zwischen den Kulturen und den Generationen.

Im März/April 2019 reisten drei Frauen des Tübinger “Soli-Teams” zu einem weiteren Besuch nach Villa El Salvador. Sie arbeiteten für fünf Wochen bei Los Martincitos mit, führten eigene Projekte mit den Senior*innen durch und unterstützten Freizeitaktivitäten (Link zu Barbaras Bericht).

6. Die Zielsetzung

Wenngleich der erste Antrieb für die Einrichtung des Solidaressens die finanzielle Unterstützung war und diese gerade heute extrem wichtig ist, legte das Team „Solidaressen“ von vornherein Wert darauf, das Projekt als Begegnungsprojekt und nicht nur als karitatives Hilfsprojekt zu verstehen. Die Aktivitäten der letzten Jahre zeigen, dass diese Idee für die Partnerschaft sehr wichtig geworden ist. So wird auch ein Anspruch aus der Satzung der HIRSCH Begegnungsstätte (§2) eingelöst: “Der Verein dient auch der Begegnung zwischen den Generationen und der Begegnung mit Menschen aus anderen Kulturkreisen.”

Der Austausch über die Kontinente hinweg fördert zudem vor Ort die kreative Begegnung aller Beteiligten: der Mitarbeiter*innen des Soli-Teams und der Senior*innen der HIRSCH Begegnungsstätte, der Gäste des Solidaressens, der Schüler*innen des Uhland-Gymnasiums und zahlreicher Mitarbeiter*innen der Stadt Tübingen.

Die Partnerschaft ist ein wichtiger Bestandteil der seit 2006 offiziell bestehenden Städtepartnerschaft zwischen Tübingen und Villa El Salvador und wird deswegen bei Bedarf auch finanziell von der Stadt Tübingen unterstützt.

Für das „Soli-Team“: Irmgard Lersch

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