Spätzle trifft Quinoa – im Kochbuch

Geschafft – am 31. Oktober präsentierte die Kochgruppe im “Hirsch” ihr “solidarisches Kochbuch”. Die ersten zwei Auflagen mit je 500 Exemplaren sind vergriffen. Inzwischen gibt es einen druckfrischen Nachschlag. Bild: Faden

Leckere Rezepte gegen Covid-19

Schlaglicht an Silvester 2020 – am Nachmittag erreichen mich zwei E-Mails: „Guten Tag, Frau Lersch, hätten Sie mir nochmal zwei Kochbücher? Sie kamen als Weihnachtsgeschenk sehr gut an!“ – “Nein, leider sind seit 5. Dezember alle 1000 Exemplare vergeben.” Von unserer Schatzmeisterin kommt die Nachricht: „Kontostand am 31. Dezember: 10.481,40 Euro.“ Aber: Das ist noch nicht der endgültige Kontostand.

Es ist der 10. März 2020. Covid-19 hat Deutschland erreicht, die Meldungen von infizierten Menschen im ganzen Bundesgebiet nehmen rapide zu, viele öffentliche Veranstaltungen wurden schon abgesagt. Wie jeden zweiten Dienstag im Monat arbeitet das Kochteam „Solidaressen für Los Martincitos“ konzentriert in der Küche der “Hirsch”-Begegnungsstätte. Es dampft und bruzzelt wie immer, die Cafeteria hat sich wie immer mit etwa 60 Besuchern gefüllt, ich begrüße die Gäste wie immer: „Schön, dass Sie gekommen sind. Lassen Sie es sich schmecken – wie immer!“

Das letzte Ma(h)l vor dem Lockdown.

Aber es ist nicht alles wie immer. Eigentlich wollte ich sagen: „Schön, dass Sie trotzdem gekommen sind“ – das aber verschlucke ich im letzten Moment. Die Gäste sollen jetzt nicht an die ständig wachsende Gefahr denken, sondern einfach nur das Zusammensein und das Essen genießen. Insgeheim aber beschäftigt mich die Sorge: Ist es wirklich gut, dass sie gekommen sind? Immerhin füge ich den neuen Gruß hinzu: „Bleiben Sie gesund!“ Es war das letzte Solidaressen – bis auf unbestimmte Zeit. Am 19. März 2020 wird der erste Lockdown verkündet.

Es folgt die Gewöhnung an die neue Lebensweise: Kontaktvermeidung ist angesagt, dem Teamgeist ist das diametral entgegengesetzt. Hin und wieder begegnet man sich zufällig in der Stadt oder auf einer Fahrradtour in diesem schönen Frühling: Wie geht es, sind alle gesund? Das Beste draus machen, die terminfreie Zeit genießen… Ein Teammitglied singt jeden Abend mit Nachbarn gemeinsam auf der Straße: „Der Mond ist aufgegangen.“ Vom Stiftskirchenturm tönt „Freude schöner Götterfunken“, aber bitte unten keine Menschenansammlungen! Erschreckende Bilder aus Bergamo und Madrid – und dazu schlimme Nachrichten von unseren Freunden in Villa El Salvador.

Das öffentliche Leben in Peru steht still, die Zustände in den Krankenhäusern sind erschreckend. Und: Das “Programa especial del adulto mayor Los Martincitos”, das wir mit der monatlichen Spende vom Solidaressen unterstützen, ist geschlossen. Wir wissen, die Gäste von Los Martincitos sind auf die Betreuung angewiesen, sie leben in extrem ärmlichen Verhältnissen, teilweise ohne Wasseranschluss und mit einer offenen Feuerstelle. Von einer caritativen Organisation werden sie jetzt mit Lebensmitteln versorgt. Wie lange halten sie das durch? Wie lange wollen wir abwarten und untätig sein?

Planen unterm Walnussbaum

Am 27. April dann meine E-Mail: Abwarten zu Ende, kreativ werden. Lasst uns ein Kochbuch mit einer Auswahl von Rezepten aus den vergangenen sieben Jahren machen und mit dem Erlös Los Martincitos weiterhin unterstützen!

Zwölf Mitglieder des Teams beteiligen sich aktiv, die anderen unterstützen. Nicht alle können sich gleichzeitig sehen, nur eine begrenzte Anzahl von Personen darf sich unter Einhaltung der Abstandsregeln treffen – am besten im Freien, die Terrasse wird ausgemessen. Hält das Wetter? Drei Treffen finden insgesamt statt, eines davon an einem schweißtreibenden Junitag mit Getränken und Keksen unter dem großen Walnussbaum im Garten eines Teammitgliedes. Es ist anstrengend und macht Spaß.

Die Redaktionskonferenz unterm Walnussbaum ist beendet – und das Kochbuch gedanklich schon wieder um ein paar Kapitel reicher. Jetzt wird erst mal abgeräumt.

„Spätzle trifft Quinoa“ soll der Titel sein, das Buch soll neben den Rezepten die Geschichte der Partnerschaft und Interessantes zu den jeweiligen Gerichten erzählen. Anfänglich scheint das Projekt kaum realisierbar zu sein. Wenn wir Gewinn machen wollen, müssen wir alle Arbeitsabläufe für das Buch – Konzeption, Layout, Druck – selber machen. Schaffen wir das? Kann auf diese Weise ein attraktives, erfolgversprechendes Buch entstehen, mit geringstem finanziellen Aufwand und höchstem persönlichen Einsatz hergestellt? Skepsis.

Die finanzielle Unterstützung durch das Kulturamt der Stadt, verbunden mit dem Angebot eines Grafikers, löst den entscheidenden Motivationsschub aus. Jetzt können wir loslegen! Listen der Rezepte werden erstellt, rund fünfzig werden ausgesucht. Bitte die Rezepte für den Grafiker schreiben, aber bitte die Layout-Vorschriften beachten. Letzteres ist für viele Neuland, man ist zum Kochen angetreten, nicht zum Schreiben. Aber alle Teammitglieder bringen ihre unterschiedlichen Kompetenzen ein, es geht Hand in Hand.

Unser Grafiker Uli Gleis möchte ein buntes, bebildertes Kochbuch mit Fotos machen. Wir haben zwar viele Erinnerungsfotos mit Küchenszenen von etlichen Solidaressen, aber welche Rezepte passen zu welchen Fotos? Und nicht jedes Bild genügt den Qualitätsansprüchen des Grafikers. Eine aufreibende Recherchearbeit, zum Schluss werden einige Rezepte nachgereicht, der vorhandenen Fotos wegen – und einige Fotos nachträglich gemacht, der vorhandenen Rezepte wegen. Work in progress. Es gibt Verzögerungen, wir wollen rechtzeitig vor Weihnachten auf den Markt. Es droht der zweite Lockdown.

Ein Kochbuch geht durch die Decke

“Spätzle trifft Quinoa” – für Bürgermeisterin Daniela Harsch “ein leuchtendes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement im Rahmen einer Städtepartnerschaft”.   Grafische Gestaltung: Gleis

Am 29. Oktober treffen 500 druckfrische Exemplare ein, am 30. Oktober versammelt sich das Team im “Hirsch”, alle haben das Buch zum ersten Mal in der Hand, das “Schwäbische Tagblatt” ist auch anwesend. Am 31. Oktober wird das Buch in der Lokalpresse vorgestellt.

Es ist der letztmögliche Zeitpunkt für die Teammitglieder, sich zu treffen und das Buch noch vor Beginn des zweiten Lockdowns am 2. November zu verteilen. Der “Hirsch” ist weitgehend geschlossen, der Vertrieb kann im Wesentlichen nur privat geschehen. Das Buch wird mit einer Spendenempfehlung abgegeben: 7,90 Euro, gerne auch mehr. Persönliche Verbreitung durch Teammitglieder, telefonische oder elektronische Bestellung, noch ist das Wetter für die Auslieferung per Fahrrad gut genug. Portokosten werden möglichst vermieden.

Viele Bücher werden an der Haustür abgeholt, die Spende bitte in den Briefkasten, das funktioniert immer, Gesichtskontrolle überflüssig. Im Briefkasten liegen dann zum Beispiel  20 Euro für zwei Bücher oder 50 Euro für drei Bücher. Oder mehr. Die erste größere Zustellrunde, verbunden mit einem Ausflug auf die Schwäbische Alb, geht über Lustnau, Dusslingen, Talheim, Mössingen, Nehren, Französisches Viertel, Derendingen. Nach fünf Tagen sind alle 500 Exemplare „verkauft“. Am 23. November gehen weitere 500 Exemplare in den Vertrieb, jetzt landen die Bücher in Köln, Mannheim, Münster, Berlin, Hamburg, München, Frankfurt, Aachen, Kassel – und natürlich auch in Villa El Salvador. Am 10. Dezember sind insgesamt 1000 Exemplare vergeben.

Währenddessen wird das Wetter trüb, Deutschland steuert auf einen dritten Lockdown zu, im Wohnviertel singen sie immer noch jeden Abend – jetzt „Kommet, ihr Hirten“, zwischendrin prangt am Garagentor ein Werbeplakat für „Spätzle trifft Quinoa“, ein weihnachtliches Sich-Näher-Kommen bei belebendem Glühwein wird es nicht geben, Singen in Kirchen ist zu gefährlich und die Restaurants und die Kinos und die Theater sind wieder geschlossen, Kontaktverbot für mehr als zwei Haushalte, Ausgehverbot am Abend und in der Nacht.

Dabei geschieht Erstaunliches: „Spätzle trifft Quinoa“ macht Freude und öffnet die Geldbeutel: Auf dem Spendenkonto gehen Beträge ein, die unsere Spendenempfehlung bei weitem überschreiten. Die Spendensumme beträgt am 31. Dezember über 12.000 Euro, der Reinerlös über 10.000 Euro – und, was noch beglückender ist, auch die Herzen öffnen sich:

„Herzlichen Dank, das ist wunderschön geworden.“ „Es ist allein schon für die Augen ein Hochgenuss. Ich konnte es gar nicht mehr aus der Hand legen…“ „Ich finde die Idee ganz toll. Deshalb würde ich gerne sieben Stück davon bestellen.“  „An Sie und Ihre Mitstreiterinnen herzlichen Dank. Wir Käufer und Spender sind da ja kleine Lichter im Vergleich… Wenn Sie wieder welche haben, schreiben Sie uns eine Mail, dann holen wir unsere Exemplare ab – und tragen auch welche aus, wenn Sie Bedarf haben.“

Während des Vertriebs wird ein Kind geboren, aber das Kochbuch wird trotzdem abgeholt. „Aber ja, ich bin noch interessiert. Entschuldigen Sie bitte, dass ich mich noch nicht gemeldet habe. Ich bin am Sonntag Oma geworden … Aber ich könnte morgen Abend zwischen 18 und 20 Uhr bei Ihnen vorbeikommen. Würde das passen?“ Und es gibt prompt Rückmeldungen vom erfolgreichen Kochen: „In der Anlage ein Foto von der Pastarolle, die  …  Sohn (17) nachgekocht hat.“

Eines der über 50 Rezepte: Papa a la Huancaína. Die Vorspeise aus den peruanischen Anden sieht nicht nur lecker aus, sondern schmeckt auch so.

Ungläubig und voller Glücksgefühle erfährt das Team diese Entwicklung. Dass ein 88-seitiges Büchlein im DIN-A5-Format in fünf Wochen über 10.000 Euro Spenden einbringt, ist kaum zu fassen. Es sind aber nicht nur die Spenden, die beglücken, es sind auch die Spender und Spenderinnen selbst. Die Menschen könnten zurzeit wahrhaftig andere Sorgen haben, als durch den Erwerb eines kleinen Kochbuchs arme Menschen in Peru zu unterstützen. Aber sie spenden nicht nur großzügig, sie sind freundlich, sie bedanken sich, sie machen überschwängliche Komplimente, sie bieten sogar ihre Hilfe beim Vertrieb des Kochbuchs an.

Die im Vorwort von „Spätzle trifft Quinoa“ ausgesprochene Hoffnung hat sich erfüllt: Die Menschen zeigen Interesse am gemeinsamen Kochen und geschmackvollen Genießen – und schauen dabei über den eigenen Tellerrand hinaus. Und: Es bleibt kein Büchlein übrig.

Schlaglicht am 8. Januar 2021 – E-Mail: “Hallo, Frau Lersch, ich wünsche Ihnen ein gesundes Neues Jahr. Gleichzeitig möchte ich Sie gerne fragen, ob ich noch zwei Kochbücher bestellen kann…“ Von unserer Schatzmeisterin kommt die Nachricht: Kontostand: 10.816,40 Euro. Es wird wohl eine dritte Auflage geben …

Irmgard Lersch

Meldungen

Villa wird heute 50 Jahre alt

Am 11. Mai 1971 haben 2300 arme Familien ihr notdürftiges Hüttendorf im Süden von Lima zur Stadt ernannt. Daraus wurde in 50 Jahren eine Großstadt mit über 500.000 Einwohnern. Ein fröhlich ausgelassenes Geburtstagsfest gibt es heute aber nicht. Wenn trotz der Corona-Pandemie gefeiert wird, dann vor allem in den sozialen Medien.

Zoom into Villa El Salvador

Im Rahmen seiner digitalen Reihe “Zoom into …” erkundigte sich das städtische Kulturamt zuletzt nach der aktuellen Lage in Tübingens peruanischer Partnerstadt Villa El Salvador. Wer den Termin verpasst hat, kann das aufgezeichnete Video-Gespräch jetzt nachhören.

Ein herzliches Dankeschön

Wir hatten uns schon einiges erhofft für unsere notleidenden Partnerprojekte in Villa El Salvador, aber mit solcher Hilfsbereitschaft hatte niemand gerechnet: Dank der enormen Spendenbereitschaft konnten wir im Corona-Jahr 2020 über 50.000 Euro nach Villa überweisen.

Gleich zwei Mal im Fokus

Unsere Beziehungen zu Villa El Salvador sind dieser Tage gleich zwei Mal in den Fokus der Freiburger “Infostelle Peru” geraten – mit der “Geschichte einer langen Freundschaft” und mit dem Buchprojekt “Spätzle trifft Quinoa”.

Impfstoff aus China

Früher als erwartet, traf am 7. Februar eine erste Ladung Covid-Imstoff in Peru ein. Die 300.000 Dosen aus China sollen zunächst das medizinische Personal in den Krankenhäusern vor dem Virus schützen.

Endlich wieder da: Spätzle & Quinoa

Die ersten 1000 Exemplare gingen schneller weg, als es sich die Kochgruppe im “Hirsch” erträumt hatte. Jetzt gibt es ihr “solidarisches Kochbuch” wieder – bunt, kreativ, informativ und druckfrisch in dritter Auflage.