Neustart bei den Martincitos

Neustart bei den Martincitos
Auf die Freiwilligen, die im Wechsel das Kochteam unterstützen, wartet oft schwere Arbeit. Sie tun es für Menschen, die es noch schwerer haben, für Gotteslohn und nicht zuletzt auch für eine Essensportion aus den großen Töpfen.

Endlich wieder täglich eine warme Mahlzeit

Zehn Monate lang blieb die Küche bei den “Martincitos” nach dem Corona-Ausbruch in Villa El Salvador kalt – doch seit dem 11. Januar herrscht in der Senioren-Tagesstätte der Pfarrgemeinde “San Martín de la Caridad” nun wieder reger Betrieb. Von Montag bis Freitag sorgt das von freiwilligen Helfer*innen unterstützte Kochteam des Altentreffs dafür, dass die ärmsten Menschen in den umliegenden Wohngebieten nicht hungern müssen.

Diese Nothilfe ist ein Relikt aus der entbehrungsreichen Gründerzeit von Villa. Damals waren die landflüchtigen Siedler*innen, die am Südrand von Lima ihre Hütten in den Wüstensand bauten, existenziell aufeinander angewiesen: Wer kann, soll helfen. Nach diesem schlichten Motto organisierten die Neubürger in den “Mazanas”, ihren selbstverwalteten Nachbarschaftsbezirken, unter anderem auch gemeinsame Volksküchen, in denen sich alle für einen geringen Obolus satt essen durften.

Bis heute gibt es über 100 solcher „Comedores populares“ in Villa El Salvador, die selbst in guten Zeiten gerne und rege besucht, in Notzeiten aber für viele Menschen existenziell wichtig werden. Die Neusiedler an den Rändern der Stadt, die zumeist keinen Zugang zu den traditionellen Comedores haben, müssen sich oft mit einem anderen Überlebensmittel aus der Gründerzweit behelfen: mit “Ollas comunes” – gemeinsamen Töpfen. Nach diesem Modell tragen einige benachbarte Familien die Nahrungsmittel, die sie noch in ihren Hütten haben, zusammen, um damit dann ein gemeinsames Mahl zuzubereiten. Anders könnten die Flüchtlinge aus Venezuela, die seit Monaten zu Zehntausenden in Villa festsitzen und nicht mehr weiterwissen, derzeit kaum überleben.

Das Essen wird im Hof ausgegeben

Auch das Orgnisationsteam bei den Martincitos hätte sich gern an solchen Aktionen beteiligt, doch der frühe Lockdown sperrte die Köch*innen über Nacht aus dem Seniorentreff und seiner Küche aus. In der Folge blieb ihnen nichts anderes übrig, als ihre verhinderten Gäste und deren Familien per Kleinbus mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln zu versorgen.
Das hat sich nun Anfang Januar geändert. Da erlaubte die zuständige Gesundheitsbehörde den Martincitos, ihre Küche in Betrieb zu nehmen. Seitdem kommen die großen Töpfe wieder auf den Herd – und rund 200 Bedürftige wieder täglich zu einer warmen Mahlzeit.

Auf das gemeinsame Frühstück, den Mittagstisch und die Tagesbetreuung hinterher müssen die Stammgäste bei den Martincitos allerdings noch warten. Das Haus bleibt bis auf weiteres geschlossen, das Essen wird im Hof ausgegeben. Wer es aus gesundheitlichen Gründen nicht selbst abholen kann, dem wird es im Kleinbus nach Hause gebracht. Da die Martincitos offiziell als Betreiber einer Volksküche registriert und anerkannt sind, werden sie – wie die anderen “Comedores populares” in Villa – vom Staat unterstützt. Zur vollen Deckung der täglich anfallenden Kosten ist die Pfarrei San Martín aber weiterhin auf Spenden angewiesen.

Das ist gewiss nicht der einzige, aber auch ein wichtiger Grund, warum das Kochteam in der Tagesstätte so begeistert ist vom “solidarischen Kochbuch” ihrer Tübinger Freund*innen im “Hirsch” – und voller Dankbarkeit: “Wir wissen Eure großartige Unterstützung wirklich sehr zu schätzen,” schrieb Erika Navarro, die Leiterin der Tagesstätte, kürzlich nach Tübingen. Und weiter: “Wir wollen uns damit revanchieren, dass wir schutzbedürftigen Menschen unsere Türen öffnen.”

Der Speisesaal in der Tagesstätte bleibt geschlossen: das warme Mittagessen to go wird im Hof ausgegeben.

Meldungen

Villa wird heute 50 Jahre alt

Am 11. Mai 1971 haben 2300 arme Familien ihr notdürftiges Hüttendorf im Süden von Lima zur Stadt ernannt. Daraus wurde in 50 Jahren eine Großstadt mit über 500.000 Einwohnern. Ein fröhlich ausgelassenes Geburtstagsfest gibt es heute aber nicht. Wenn trotz der Corona-Pandemie gefeiert wird, dann vor allem in den sozialen Medien.

Zoom into Villa El Salvador

Im Rahmen seiner digitalen Reihe “Zoom into …” erkundigte sich das städtische Kulturamt zuletzt nach der aktuellen Lage in Tübingens peruanischer Partnerstadt Villa El Salvador. Wer den Termin verpasst hat, kann das aufgezeichnete Video-Gespräch jetzt nachhören.

Ein herzliches Dankeschön

Wir hatten uns schon einiges erhofft für unsere notleidenden Partnerprojekte in Villa El Salvador, aber mit solcher Hilfsbereitschaft hatte niemand gerechnet: Dank der enormen Spendenbereitschaft konnten wir im Corona-Jahr 2020 über 50.000 Euro nach Villa überweisen.

Gleich zwei Mal im Fokus

Unsere Beziehungen zu Villa El Salvador sind dieser Tage gleich zwei Mal in den Fokus der Freiburger “Infostelle Peru” geraten – mit der “Geschichte einer langen Freundschaft” und mit dem Buchprojekt “Spätzle trifft Quinoa”.

Impfstoff aus China

Früher als erwartet, traf am 7. Februar eine erste Ladung Covid-Imstoff in Peru ein. Die 300.000 Dosen aus China sollen zunächst das medizinische Personal in den Krankenhäusern vor dem Virus schützen.

Endlich wieder da: Spätzle & Quinoa

Die ersten 1000 Exemplare gingen schneller weg, als es sich die Kochgruppe im “Hirsch” erträumt hatte. Jetzt gibt es ihr “solidarisches Kochbuch” wieder – bunt, kreativ, informativ und druckfrisch in dritter Auflage.