Rückfall in die Quarantäne

Rasanter Rückfall in die Quarantäne
Seit Monaten ist ein Team von Radio “Stereo Villa”, dem Partnersender der “Wüsten Welle”, in den südlichen Bezirken von Lima unterwegs, um vor Covid-19 zu warnen und über geeignete Schutzvorkehrungen zu informieren.

Die zweite Welle trifft die Armen härter als die erste

Kaum drei Wochen nach dem “Neustart bei den Martincitos” musste Pfarrsekretärin Erika Navarro ihren Kochbetrieb schon wieder einstellen. Seither kann die Leiterin des Seniorentreffs ihrer 200-köpfigen Klientel keine warme Mahlzeit mehr anbieten. Die ärmsten der armen Alten in der Pfarrei “San Martín de la Caridad” sollen trotzdem nicht hungern. Wie im ersten Lockdown, so schrieb Navarro ihren Freund*innen in der “Hirsch”-Begegnungsstätte, werden sie von den Martincitos bis auf weiteres mit den wichtigsten Grundnahrungsmitteln versorgt.

Endlich ein Zeichen der Hoffnung? Nach der Ankunft der ersten 300.000 Impfdosen in Peru ließ sich der Präsident vorneweg die erste Spritze setzen.

Am 31. Januar hat der neue (Übergangs-)Präsident Francisco Sagasti sein 32-Millionen-Volk ein zweites Mal in Quarantäne geschickt – und damit die prekäre Lage in den Armenvierteln von Lima weiter verschärft. Der Grund für den harten Schnitt: Nachdem im vergangenen Herbst die Zahl der Covid-Infektionen in Peru stetig zurückgegangen war, nahm sie nach Weihnachten plötzlich wieder dramatisch zu. Derzeit, so meldet das Robert-Koch-Institut, stecken sich Tag für Tag etwa 6000 bis 7000 Peruaner mit dem gefährlichen Virus an.

Die Gesamtzahl der Covit-Toten wird offiziell auf etwa 42.000 beziffert. In diese Statistik werden allerdings nur jene Verstorbenen aufgenommen, die zuvor positiv auf Corona getestet wurden. Das Problem dabei, so meint Nani Schwenninger, unsere Botschafterin in Lima: “Es wird hier bei weitem nicht genug getestet.” In seriösen Quellen werde deshalb zumeist von rund 100.000 Covid-Toten ausgegangen. Diese Zahl entspricht der derzeitigen Übersterblichkeit im Vergleich zu den coronafreien Vorjahren. Angesichts der bescheidenen Reichweite des staatlichen Gesundheistsystems sind jedoch all diese statistischen Angaben mit großer Vorsicht zu genießen.

Eine Stunde Freigang – und 23 Stunden im Hausarrest

Die aktuellen Quarantäne-Vorschriften decken sich weitgehend mit den Einschränkungen beim ersten Lockdown (siehe “Villa in Zeiten der Pandemie”). Eine Erleichterung hat Perus Regierung ihren Bürgern diesmal aber immerhin zugestanden: Nun darf Jede und Jeder, ob groß, ob klein, einmal am Tag  für eine Stunde sein Haus verlassen, egal ob er oder sie nun zum Arzt, zum Lebensmittel-Einkauf oder nur an die frische Luft will. Arbeiten ist auch erlaubt. Aber das gilt – nach vielen Entlassungen  im ersten Lockdown – allenfalls noch für jeden Vierten im arbeitsfähigen Alter, der einen Job im regulären Arbeitsmarkt hat.

Alle anderen haben derzeit – zumindest legal – keine Chance, ein paar Soles für den Lebensunterhalt zu verdienen. Deshalb, so fürchtet Schwenninger, “ist das Elend in den Armenvierteln jetzt noch größer als beim ersten Lockdown”. Damals konnte so manche Familie noch auf ein paar Notgroschen zurückgreifen, inzwischen aber sind in allzu vielen Haushalten die letzten Reserven aufgezehrt.

Das weiß auch Präsident Sagasti, der – wie letztes Jahr sein Vorvorvorgänger Martín Vizcarra – bedürftigen Familien nun staatliche Lebensmittelhilfen versprochen hat. Bislang warten in Villa viele Notleidende noch vergeblich darauf. Das gilt auch für jene 4,2 Millionen Familien, die Sagastis Regierung zu den Ärmsten im Land zählt: Ihnen wurde eine einmalige Nothilfe von 600 Soles (150 Euro) in Aussicht gestellt. Ausbezahlt werden soll das Geld aber erst nach der Aufhebung der Notverordnung, die fürs erste bis Mitte Februar gilt.

Die Überlebensmittel der Gründer: Volksküchen und “gemeinsame Töpfe”

Pollo con Arroz – ein solches Festmahl gibt es in den über 100 kollektiv organisierten Volksküchen in Villa nicht alle Tage.

Ein Glück, dass es in Villa noch über 100 Volksküchen (“Comedores populares”) gibt – kollektive Einrichtungen, mit denen schon die ersten Siedler*innen im Wüstensand mit vereinten Vorräten ihr Überleben sicherten. In diesen Comedores bereiten täglich wechselnde Kochteams ein schlichtes Mittagessen zu, das dann von allen Bewohnern eines klar abgegrenzten Nachbarschaftsbezirks für einen kaum mehr als symbolischen Obolus abgeholt werden kann. Seit Mitte der 1980er Jahre übernimmt der Staat einen Gutteil der Kosten für den Einkauf der Nahrungsmittel. Und seit diese Beihilfe auf ihrem Weg durch die Institutionen von ganz oben nach ganz unten besser überwacht wird, so hat Nani Schwenninger vor Ort erfahren, kommt das Geld nun auch einigermaßen zuverlässig bei den Volksküchen an.

Zigtausende von Neusiedlern und neuerdings auch venezolanischen Flüchtlingen, die sich in den Randbezirken von Villa notdürftig eingerichtet haben, müssen zumeist ohne staatliche Hilfen auskommen – ausgerechnet sie, die in der Corona-Pandemie den höchsten Gesundheitsrisiken ausgesetzt sind. Auch von den lokalen Behörden werden sie weitgehend ignoriert, weshalb ihnen oft gar nichts anderes übrigbleibt, als auf ein anderes Überlebensmittel der Villa-Gründer zurückzugreifen: auf die “Ollas comunes” – gemeinsane Töpfe.

Auf den Dünen und Hängen rings um Villa, wo sich viele Neusiedler ohne Strom und fließendes Wasser durchschlagen müssen, ist das Leben in Corona-Zeiten besonders beschwerlich und gefährlich.

Wer mit den Vorräten in der eigenen Behausung keine Mahlzeit mehr auf den Tisch bringt, tut sich mit Nachbarn zusammen, denen es genauso geht. Hier noch ein bisschen Reis, da ein paar Kartoffeln – hat noch jemand Linsen oder Bohnen? Meistens reicht es dann doch für alle Hungrigen – nicht zuletzt dank der Dreingaben kirchlicher Oganisationen und auch privater Initiativen.

In den Wochen vor dem harten Rückfall in die Quarantäne fehlte es nicht an guten Vorsätzen, Appellen und warnenden Stimmen. Die erste Welle der Pandemie mit ihren schrecklichen Bildern von Corona-Kranken, die auf der Straße und vor überfüllten Krankenhäuser erstickten, weil der Sauerstoff ausgegangen oder unerschwinglich teuer war,  hatte sich tief ins öffentliche Bewusstsein eingebrannt. Entsprechend vielfältig waren die Bemühungen von Gesundheitszentren, Kirchengemeinden und Nachbarschaftkomittees, den Aufbau einer zweiten Corona-Welle zu verhindern. In Villa spielte dabei das “Radio Stereo Villa”, der peruanische Partnersender der “Wüsten Welle” in Tübingen, eine herausragende Rolle.

Wie der Fernsehsender “Villa TV” gehört auch Stereo Villa zum bürgerschaftlich organisierten “Centro de Comunicación Popular”, das bereits in der Gründungsphase von Villa aufgebaut wurde, um die Kommunikation, Bildung und Entwicklung im jungen Stadtteil zu fördern. Diesem Auftrag verpflichtet, machte sich Direktorin Lita Ruiz Linares mit ihrem Journalisten-Team schon früh daran, ein Präventionsprojekt gegen die Ausbreitung des gefährlichen Virus zu entwickeln.

Kernstück der Kampagne, die von Experten aus dem Gesundheitssektor begleitet wird, ist das Programm “Salud al día” (Gesundheit auf dem neuesten Stand). Mit ihm sollen die Hörer*innen in Villa und den umliegenden Stadtbezirken in umfangreichen Beiträgen und häufig wiederholten Radiospots alles erfahren, was sie zu ihrem eigenen Schutz über die mutationsfreudigen Covid-19-Viren wissen müssen.

Information allein reicht nicht – im Kampf gegen das Virus verteilt Radio Stereo Villa auch so praktische Dinge wie Masken, Seifen und Desinfektionmittel.

So notwendig und wertvoll diese Aufklärung auch war, als sich die Corona-Lage im Herbst wieder etwas entspannte, gerieten die Abstands- und Hygieneregeln bei vielen, zumal jungen Leuten schnell in Vergessenheit. Auf Straßen und Plätzen wurde wieder eifrig Fußball gespielt und abends ausgiebig gefeiert. Im Gedränge der großen Märkte war das rasche Durchkommen eiligen Kunden bald wieder wichtiger als der geforderte Sicherheitsabstand.

Auf solche Sorglosigkeit reagierte Stereo Villa mit einem weiteren Service: Jetzt fahren die Radio-Leute mit einem Lautsprecher-Bus durch die ärmsten Viertel, um die Leute dort direkt anzusprechen. Wer sich darauf einlässt, bekommt eine Schürze, eine Maske und dazu noch Desinfektionsmittel und Hygieneartikel. Zur Finanzierung der Präventionskampagne konnte Matzel Xander vom Tübinger Partnerradio eine stattliche Summe beisteuern: 10.000 Euro, die “TuVilla” mit einem Förderantrag bei der Stiftung für Entwicklungszusammenarbeit (SEZ) Baden-Württemberg für die engagierten Kolleg*innen bei Stero Villa locker machte.                              Sepp Wais

 

Weitere Infos und Eindrücke zum Thema “Corona in den Armenvierteln von Lima”  findet man in einem Youtube-Video des katholischen Hilfswerks Adveniat.

 

Meldungen

Villa wird heute 50 Jahre alt

Am 11. Mai 1971 haben 2300 arme Familien ihr notdürftiges Hüttendorf im Süden von Lima zur Stadt ernannt. Daraus wurde in 50 Jahren eine Großstadt mit über 500.000 Einwohnern. Ein fröhlich ausgelassenes Geburtstagsfest gibt es heute aber nicht. Wenn trotz der Corona-Pandemie gefeiert wird, dann vor allem in den sozialen Medien.

Zoom into Villa El Salvador

Im Rahmen seiner digitalen Reihe “Zoom into …” erkundigte sich das städtische Kulturamt zuletzt nach der aktuellen Lage in Tübingens peruanischer Partnerstadt Villa El Salvador. Wer den Termin verpasst hat, kann das aufgezeichnete Video-Gespräch jetzt nachhören.

Ein herzliches Dankeschön

Wir hatten uns schon einiges erhofft für unsere notleidenden Partnerprojekte in Villa El Salvador, aber mit solcher Hilfsbereitschaft hatte niemand gerechnet: Dank der enormen Spendenbereitschaft konnten wir im Corona-Jahr 2020 über 50.000 Euro nach Villa überweisen.

Gleich zwei Mal im Fokus

Unsere Beziehungen zu Villa El Salvador sind dieser Tage gleich zwei Mal in den Fokus der Freiburger “Infostelle Peru” geraten – mit der “Geschichte einer langen Freundschaft” und mit dem Buchprojekt “Spätzle trifft Quinoa”.

Impfstoff aus China

Früher als erwartet, traf am 7. Februar eine erste Ladung Covid-Imstoff in Peru ein. Die 300.000 Dosen aus China sollen zunächst das medizinische Personal in den Krankenhäusern vor dem Virus schützen.

Endlich wieder da: Spätzle & Quinoa

Die ersten 1000 Exemplare gingen schneller weg, als es sich die Kochgruppe im “Hirsch” erträumt hatte. Jetzt gibt es ihr “solidarisches Kochbuch” wieder – bunt, kreativ, informativ und druckfrisch in dritter Auflage.