Der “Bischof der Armen” ist tot

Luis Bambarén
“Ich hatte das Glück, dass ich als Weihbischof in all die jungen Siedlungen und Slums rings um Lima gekommen bin.” – Luis Bambarén in einem Interview, das er im Januar 2018 anlässlich seines 90. Geburtstags der Zeitung “El Comercio” gab.

Ganz nah bei unseren Leuten

Es war Ende der 1960er Jahre, als die “Theologie der Befreiung” mit ihrer emanzipatorischen Ausrichtung auf die Armen und Unterdrückten für frischen Wind in der katholischen Kirche Lateinamerikas sorgte. Just in dieser Zeit des Aufbruchs, am 1. Dezember 1967, ernannte Papst Paul VI. den damals 39-jährigen Jesuitenpater Luis Armando Bambarén zum Weihbischof in Lima. Wenig später betraute ihn Kardinal Landázuri, der Erzbischof von Lima, mit der Seelsorge in den pueblos jóvenes, den jungen Elendsquartieren an den Rändern der sich immer weiter ausbreitenden Metropole Perus.

Einen schöneren Auftrag hätte sich Bambarén wohl kaum wünschen können. Denn schon als kleiner Junge, der mit sieben Geschwistern in dem Provinzstädtchen Yungay am Fuß des 6768 Meter hohen Huascarán aufwuchs, wollte er “nie etwas anderes als Priester” werden – und das mit dem klaren Auftrag, für die Allerärmsten zu kämpfen. So beschrieb Bambarén seine Mission in einem Interview, das er im Januar 2018 anlässlich seines 90. Geburtstages der peruanischen Zeitung “El Comercio” gab.

Für diese Mission trat er bereits mit 16 Jahren in den Jesuiten-Orden ein, der ihn fünf Jahre später zum Studium der Theologie und Philosophie nach Spanien schickte. Als er nach etlichen Stationen als Lehrer und Pfarrer 1967 von Papst Paul VI. zum Weihbischof in Lima ernannt wurde, ging er in die Kirche – “und ich fragte Jesus: ‘Was willst du von mir?'” Die Antwort, so gab Bambarén am 60. Jahrestag seiner Priesterweihe zu Protokoll, lautete: “Ich will, dass du authentisch bleibst und den Armen zugewandt. Liebe sie und bring ihnen das Evangelium.”

Es war die Zeit der großen Migration nach Lima. Vor allem aus den Anden, aber auch aus anderen Regionen Perus strömten die Menschen auf der Suche nach Arbeit, schulischer Ausbildung und medizinischer Versorgung in die Hauptstadt. Dort angekommen, erwies sich die Hoffnung auf einen sicheren Platz und ein besseres Leben für die armen Leute jedoch schnell als Illusion. Man wollte sie in der Stadt nicht haben.  Deshalb nahmen am 27. April 1971 rund 200 Familien ihr Schicksal in die eigene Hand und besetzten ein Stück Land, um sich dort endlich ihr Zuhause einzurichten. Ein Video von “Radio Stereo Villa” zeigt beeindruckende Bilder aus dieser Zeit:  Luis Bambarén y la historia de Villa El Salvador.

Auf dem Weg nach Pamplona marschierte Bambarén – wie andere Unterstützer – demonstrativ mit den Siedlern. Nach der brutalen  Räumung des besetzten Geländes ließ Polizei-Chef Artola den Weihbischof als Agitator einsperren.  Bild: El Peruano

Weil in den folgenden Tagen immer mehr Migranten diesem Beispiel folgten, rückte am 3. Mai die Polizei an, um die Siedler von dem landeseigenen Grund zu vertreiben. Das gelang zunächst nicht. Als nachdrängende Familien auch private Ländereien besetzten und dabei bis an den mit Stacheldraht bewehrten “muro de la vergüenza” (Mauer der Scham) eines exklusiven Reichenviertels vordrangen, griff der Innenminister durch: General Armando Artola befahl seiner Polizei die Räumung des Geländes – mit Tränengas, Schlagstöcken und Gewehren. Es gab viele Verletzte und einen Toten: Edilberto Ramos, ein Junge aus Huancavelica, wurde erschossen.

Bevor die Polizei im Morgengrauen zuschlug, hatte sich eine Abordnung der Siedler, begleitet vom herbeigeeilten Weihbischof, bereits mit dem Wohnungsbauminister getroffen, um “eine Volkszählung und alles Weitere” für die neue Ansiedlung zu organisieren. Als Bambarén vom Vormarsch der Polizei, der “schrecklichen Invasion von Pamplona”, erfuhr, machte er sich sofort auf den Weg dahin – und es gelang dem Mann im Priestergewand tatsächlich, die gewaltsame Vertreibung zu stoppen. Danach zelebrierte er eine Solidaritätsmesse für Edilberto Ramos und die Verletzten.

Diese Intervention hat General Artola so empört, dass er den Bischof als “Agitator in der Soutane” umgehend festnehmen und einsperren ließ. Das war dem Präsidenten im erzkatholischen Peru dann doch ein bisschen zu krass: Noch am gleichen Tag entließ er beide – den Bischof aus dem Gefängnis und den Polizeigeneral aus dem Amt.

Ein paar Tage später wies die Regierung den 2300 zugewanderten Familien endlich einen Platz zu, an dem sie bleiben durften: die öde Sandwüste in der Tablada de Lurín rund 20 Kilometer südlich von Lima, wo die Siedler ihre eilends aufgestellten Hütten aus Schilfmatten bereits am 11. Mai 1971 zur Stadt, zu ihrer Stadt erklärten. Für deren Namen sorgte bald darauf Luis Barbarén, dessen Geburtsort im Jahr zuvor von einer der größten Naturkatastrophen in der jüngeren Geschichte Perus ausgelöscht worden war.

Am 31. Mai 1970 löste ein schweres Erdbeben im Huascaràn-Massiv einen gigantischen Erdrutsch aus. Rund 50 Millionen Kubikmeter Gestein und Eis brachen von der vergletscherten Nordwestflanke des Berges ab und rasten mit 220 Stundenkilometern und verheerender Gewalt zu Tal. Auf ihrem 15 Kilometer langen Weg übersprang die Geröll- und Schlammlawine auch einen 200 Meter hohen Hügelkamm, hinter dem sich die Bewohner von Yungay bis dahin in Sicherheit gewähnt hatten. Die Sturzflut ergoss sich fast über das gesamte Stadtgebiet und begrub etwa 20.000 Menschen unter einer fünf Meter mächtigen Schuttschicht.

Verschont blieb nur der auf einem Hügel angelegte Friedhof von Yungay, auf dem 93 Menschen die Katastrophe überlebten. Und mit ihnen eine zehn Meter hohe Christus-Statue, die mit weit ausgebreiteten Armen noch immer zum Huarascán blickt. Mag sein, dass sich Bambarén angesichts seiner verschütteten Geburtsstadt, die schon bald komplett zum Friedhof erklärt wurde, nach einer neuen Heimat sehnte – und auf der Suche danach auf die Siedler am Rande Limas traf.

Wahrzeichen und Schutzpatron von Villa El Salvador: der von Luis Bambarén zur Stadtgründung gestiftete Cristo Salvador. 2017 stürzte das Dach ein und beschädigte die zwei Meter große Jesus-Figur. Inzwischen haben Handwerker und Künstler die Statue in freiwilligen Arbeitseinsätzen restauriert, und auch das Dach soll bald wieder intakt sein.

So erklären sich jedenfalls auch heute noch viele Menschen in Villa die besondere Nähe und Zugewandtheit des Bischofs zu ihrer Stadt. Sie fühlen sich darin bestärkt durch ein weithin sichtbares Zeichen, das ihnen Bambarén ein Jahr nach der Tragödie von Yungay auf einen Hügel gesetzt hat: ein Zeichen, das Wahrzeichen, Namensgeber und Schutzpatron zugleich für die neue Siedlung wurde. Rechtzeitig zur offiziellen Stadtgründung spendete der damalige Weihbischof den Leuten von Villa einen “Christo Salvador”, der seither mit weit ausgebreiteten Armen auf sie herunterblickt.

Es waren diese aufregenden Gründerjahre, in denen der junge Weihbischof die Menschen in Villa “ins Herz geschlossen” hat – und sein Leben lang dort behielt. Diese besondere Verbindung riss auch nicht ab, als Bambarén 1978 zum Prälat und 1983 zum ersten Bischof von Chimbote ernannt wurde. Auch als Präsident der peruanischen Bischofskonferenz (1993 bis 2003) und erst recht nach seinem altersbedingten Rücktritt im Jahr 2004 ließ er kaum eine Gelegenheit für einen Abstecher nach Villa aus.

Er war auch beim größten Event dabei, das Villa je erlebt hat – als Papst Johannes Paul II. im Jahr 1995 eine Million Gläubige in der Wüste vor der Stadt um sich versammelte. Dessen Botschaft hat ihm gut gefallen: “Die Menschen sollen Hunger nach Gott haben, ja, aber nicht Hunger nach Brot!” Letzteren bekämpfte Bambarén so entschieden, dass er der reichen Oberschicht in Lima zunehmend unheimlich wurde.

Man versuchte, ihn als linken Agitator, Kommunist oder gar Terrorist zu denunzieren. Aber das focht den selbstbewussten Kirchenmann nicht an: “Nichts dergleichen”, machte er 2018 dem “Comercio” klar, “meine christliche Pflicht war und ist es, mich für einen auf Gerechtigkeit basierenden Frieden einzusetzen. Wer anderes behauptet, verfolgt die Interessen der Ultrarechten.”

Letzteres hatte der frischgewählte Papst Franziskus bestimmt nicht im Sinn, als er Bambarén im Juni 2013 in Rom traf und mit den Worten begrüßte: “Du bist also der revolutionäre Bischof von Peru.” Die Antwort: “Und Sie sind dann ja wohl der revolutionäre Papst.” Daraufhin, so Bambarén, habe ihn der Papst am Arm genommen und gesagt: “Na gut, dann gehen wir zusammen.”

Mit seinem unerschrockenen Einsatz für die Armen war der Bischof nicht nur der reichen Oberschicht in Lima ein Ärgernis, sondern vor allem auch dem “Leuchtenden Pfad” (Sendero Luminoso). Dessen Terrorbanden bestanden darauf, dass die Welt nur mit brutaler Gewalt zu verbessern sei, und betrachteten deshalb all jene, die mit friedlichen Mitteln vorankommen wollten, nicht nur als Konkurrenz, sondern sogar als ihre größten Feinde.

Auch in Villa haben die Senderisten in den 1980er und 1990er Jahren zahlreiche Vertreter der bürgerlichen Institutionen und linke Aktivisten brutal ermordet. Ihr prominentestes Opfer war die Bürgermeisterin und Frauenrechtlerin María Elena Moyano, zu deren Begräbnis Babarén aus Chimbote anreiste. Auch ihm legten die Terroristen drei Bomben ins Haus – und scheiterten damit ebenso wie mit mehreren Mordversuchen aus dem Hinterhalt. Sein Erklärung dafür: “Mir half mein Gottvertrauen.”

Jahre später, nachdem der grausame Spuk vorbei war, bekam der Philosophieprofessor Abimael Guzmán, der Ende der 1970er Jahre von seinem Lehrstuhl an der Universität in Ayacucho in den Untergrund abtauchte und dort als intellektueller Kopf den mörderischen Kampf des Leuchtenden Pfads anführte, unerwartet Besuch in Lima. Genauer gesagt in seiner Gefängniszelle auf der Militärbasis in Callao. Es war Bambarén.

Der Bischof war damals Mitglied der peruanischen “Kommission für Wahrheit und Versöhnung”, die vom Parlament beauftragt wurde, die Verbrechen des blutigen Konflikts in den Jahren 1980 bis 2000 aufzuklären. Insgesamt kamen in dieser “Zeit der Angst” fast 70.000 Menschen ums Leben. 46 Prozent der dokumentierten Todesopfer lastete die Kommission dem “Sendero Luminoso” an, 30 Prozent dem peruanischen Militär sowie der Polizei und 24 Prozent paramilitärischen Todesschwadronen.

Vier Mal besuchte Bambarén den Sendero-Chef – und jedes Mal trieb ihn vor allem diese Frage in den Knast: “Warum die Armen?” Zu 79 Prozent gehörten die Opfer des Krieges indigenen Stämmen in kleinen Andendörfern und Urwaldsiedlungen an, die zum Teil völlig ausgelöscht wurden. Und auch in den urbanen Gebieten, die der “Leuchtende Pfad” heimsuchte, traf es überwiegend die Armen und ihre Fürsprecher.

Für Bambarén ein Rätsel, das ihm auch Guzmán nicht recht erklären konnte. “Ich habe ihn gefragt: ‘Wie konnte es sein, dass eure Opfer Analphabeten, quechua-sprachige Indigene, Leute aus sozialen Randgruppen waren?'” Und die lapidare Antwort: “Er sagte mir, dass der bewaffnete Kampf ein großer Irrtum gewesen sei.”

An seinem 90. Geburtstag wurde Luis Bambarén gefragt, was denn das Beste in seinem Priester-Leben gewesen sei. “Ich glaube”, meinte er dazu, “das Beste ist, ganz nah bei unseren Leuten zu sein, Tag und Nacht – das ist für mich sehr wichtig.” Zuletzt wurde diese Nähe für ihn lebensgefährlich: Am 19. März 2021 starb Bischof Bambarén nach intensivmedizinischer Betreuung im Alter von 93 Jahren an einer Covid-19-Erkrankung.

Für seinen furcht- und rastlosen Einsatz an der Seite der Armen wurde Bambarén in seinem langen Leben vielfach ausgezeichnet und geehrt – in Villa El Salvador wurde und wird er dafür regelrecht verehrt. Als die Nachricht von seinem Tod die Runde in der Stadt machte, quollen die sozialen Medien – vorneweg Facebook – über mit tief empfundenen Traueranzeigen und Kodolenzschreiben.

Solche Hochachtung genoss der “Bischof der Armen” auch schon zu seinen Lebzeiten in Villa: Am 21. November 2014 durfte ihm Nani Schwenninger in feierlicher Runde den vom Kommunikationszentrum gestifteten Preis “Walter Schwenninger: Weltbürger” überreichen –  für sein Engagement für soziale Gerechtigkeit und für seinen wichtigen Beitrag zur Gründung von Villa El Salvador am heutigen Mittwoch vor 50 Jahren.           Sepp Wais, Nani Schwenninger

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