Eine kleine Oase der Hoffnung

Salon Annette
Hisilicon Balong

Im Zeichen der Schere: Der „Salon de Belleza Annette“

Villa, Rückblick 2015

Motortaxis, Staubfahnen, grauer Sand. Villa el Salvador – ein Distrikt mit unwirtlichem Klima: Wüste und Meer, die Garúa, der über allem hängende Dunst, der alles vernebelt: das Land, den Himmel, die Sicht, die Sinne, das Gemüt. Trotz der stetigen Luftfeuchtigkeit aber sieht man nur wenig Grün, dem Staub und Sand abgetrotzte Anpflanzungen, kleine Blick-Oasen im grauen Einerlei. In diesem Einerlei, abseits vom Zentrum, in der Avenida 3 de Octubre, gegenüber einem kleinen mercado, hat ein Friseursalon eröffnet: der Salon de Belleza Annette. Ein beschwörend anmutender Name für eine kleine Oase der Hoffnung – ein Projekt, gegründet und betreut von der Starzacherin Annette Deutschle.

Vorgeschichte

Nach zwanzig Jahren Arbeit im Tübinger Friseursalon Schäfer hatte sie sich zum biografischen Kurswechsel entschlossen: neue Herausforderungen annehmen, ein Hilfsprojekt gründen, den eigenen Blick weiten, andernorts nützlich sein. Andernorts: wo Not am Mann, mehr noch, übler noch: Not an der Frau war. Die Gelegenheit ergab sich über den Partnerschaftsverein Villa el Salvador-Tübingen und Gespräche mit den partnerschaftsengagierten Tübingern Herbert Löhr und Nani Mosquera-Schwenninger. Bei denen auch „Fe y Alegría“ eine Rolle spielte – mit der Schule „Fe y Alegría Nr. 17“ verbindet das Tübinger Ludwig-Uhland-Gymnasium eine langjährige Schulpartnerschaft.

Bei den angehenden Friseurinnen, die Annette Deutschle (links) im „Centro de Educación Ocupacionál“ ausbildete, handelte es sich meist um alleinerziehende Mütter, die ihren Alltag – oft mit mehreren Jobs – unter schwierigsten Bedingungen meistern müssen.

Zum Konzept des jesuitisch inspirierten, in ganz Südamerika und mittlerweile auch Afrika etablierten, auf ganzheitliche Erziehung sowie staatliche Kooperation setzenden Schul- und Bildungmodells „Fe y Alegría“ gehört die enge Verzahnung von Schulbildung und beruflicher Praxis. Was in Villa durch eine Schwesterorgansation von Fe y Alegría umgesetzt wird: das Berufsbildungszentrum „Centro de Educación Ocupacionál“, kurz CEO.

Annette Deutschle erinnert sich: „Im Jahr 2013 habe ich dort 20 Frauen unterrichtet, und ungefähr ab August 2013 dann noch mal eine Gruppe von zehn Frauen. Diese zehn Frauen haben dann bei mir im CEO die regelrechte Ausbildung gemacht. Das heißt: Sie haben gelernt Haare zu färben, Dauerwellen zu legen, sie haben verschiedenste Frisuren und Techniken des Haarschnitts sowie überhaupt zur Pflege der Haare erlernt, und im Dezember konnten dann alle die Ausbildung erfolgreich abschließen.“

Frauenprojekt

Eine der Wüste abgerungene Siedlung also. Ein von Sorgen und Existenzkampf gepägter Alltag. Die Hoffnungen auf ein ausreichendes Auskommen fragil, die Bildungschancen gering bis kaum vorhanden, die Lebensperspektiven auf den engen eigenen Umkreis begrenzt (schon der Ausflug nach Lima-Zentrum: ein zeit- und kostenaufwändiger Luxus, den sich nur wenige leisten können). Und hier machen zehn Frauen ihren Abschluss als Friseurin! Die Beschränkung auf die Förderung ausschließlich von Frauen war dabei eine bewusste Vorgabe:

„Es ist gezielt ein Frauenprojekt, weil es uns einfach darum ging, zum Beispiel Mütter mit behinderten Kindern oder alleinerziehende Mütter zu unterstützen und zu fördern. Gerade diese Schülerinnen sind ja schon älter und haben teilweise überhaupt keine Schulausbildung und somit eigentlich gar keine Möglichkeit, an einer Ausbildung teilzunehmen. Und im CEO konnten wir erreichen, dass eben auch diese Frauen aufgenommen werden.“

Möglich wurde dies freilich auch durch Spenden für Ausstattung und Arbeitsmittel; zumal bei ihren ersten Flügen überstanden die mitgeführten Koffer glücklich den Zollcheck – angefüllt mit gespendeten Scheren, Kämmen, Glätteisen, Haarschneidemaschinen, Föhnen, Shampoos und Friseurkittel.

Nach dem erfolgreichen Ausbildungsabschluss begann das lange, bange, letztlich erfolgreiche Suchen nach einem günstigen Ladenlokal. Im April 2015 dann der ersehnte Start: mit sieben von ihr ausgebildeten Friseurinnen konnte Annette Deutschle den Salon eröffnen.

Fortgang

El equipo del Salon de Belleza – mit Annette Deutschle in der Mitte.

So lief es an. Und lief gut, lief weiter, lief nach Plan: es kam Kundschaft, die Akzeptanz wuchs, mit der Zeit stellten sich Erfahrung, Selbstbewusstsein und Rückhalt ein. Und zunehmend auch das nötige betriebswirtschaftlich-unternehmerische Knowhow. Öffnungs- und Beschäftigungszeiten, Kostenabrechnung, Buchhaltung, die gesamte Betriebsleitung wurde von der Gruppe zunehmend selbst übernommen, parallel zu Annette Deutschles Rückzug aus dem Management und ihrer Rückkehr nach Tübingen.

Freilich blieb die Gründerin dem Salon mit Rat und Tat per Mail und Telefon auch weiterhin verbunden, was sich auch bald als notwendig erweisen sollte. Stellten sich in der Avenida 3 de Octubre doch plötzlich und unerwartet Probleme ein: willkürliche Erhöhungen der Ladenpacht, ignorierter Sanierungsbedarf; Querelen und wachsende Spannungen zwischen den Pächterinnen und ihrer Vermieterin: Im Frühjahr 2019 war der Standort nicht mehr tragbar.

Für das Team des „Salon de Belleza Annette“ eine bedrückende Erfahrung: steckten doch neben vielen Hoffnungen, Zeitaufwand und Eigenarbeit auch Spendenmittel in dem Projekt, das nun zu scheitern drohte. Eine ernüchternde Lernerfahrung, bezeichnend für die Ambivalenz so mancher Entwicklungsprojekte: Durch Spenden mitfinanzierte Hilfsprojekte erwecken mitunter Neid und Begehrlichkeiten Dritter; die Verlockung profitablen „Trittbrettfahrens“ ist oft stärker als nachbarliche Solidarität – Lehrgeld, das manche Initiative schon hat zahlen müssen. Doch wie nun weiter?

Neue Standorte

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Die Beinahe-Krise kam schnell zu einem doppelt glücklichen Ende: fast nahtlos nach der Zeit am ersten Standort, noch im April 2019, fand der Salon de Belleza Annette ein neues, erschwingliches Ladenlokal im Distrikt Pachacámac, im Osten von Villa. Und, einige Wochen darauf, gar noch eine zweite, kleine, aber zentral gelegene Frisierstation, im Marktareal von Villa Sur, unweit von Rathaus und Kommunikationszentrum.

Das Team konnte also weitermachen – und zusammenbleiben (lediglich eine der Mitarbeiterinnen zog aus familären Gründen zurück in ihren Heimatort, wo sie, notabene, seitdem einen eigenen Friseurladen betreibt). Die übrige, nurmehr sechsköpfige Belegschaft blieb zusammen und betreut seitdem, je zu dritt, die beiden neuen Standorte Pachacámac und Villa Sur. Es konnte weitergehen …

Corona

Bis das Virus kam, das ganz Peru nach wie vor schwer zu schaffen macht. Und einen kargen Distrikt wie Villa el Salvador naturgemäß besonders hart trifft; der ohnehin harte alltägliche Existenzkampf hat sich durch die Pandemie für die meisten Einwohner und ihre Familien drastisch verschärft.

Von den während des nationalen Notstands verfügten Quarantäne- und Schließungsmaßnahmen war auch der Salon betroffen. Von Mitte März bis Anfang Juli 2020 wurde der erste Lockdown verhängt, am 31. Januar 2021 folgte der zweite. In der Spanne dazwischen kam man halbwegs über die Runden – gleichwohl sind die Einnahmen drastisch geschrumpft, ist die Beschäftigungslage prekär, der „Kuchen“ für alle kleiner geworden.

Wenn man sich auch hier und da mit Improvisationen behilft (hin und wieder werden Kund*innen ausnahmsweise schon mal privat betreut), so hat derlei letztlich keine Perspektive. Angesichts von Verdienstausfall, fortlaufenden Unkosten für die Ladenmiete und mangelnder öffentlicher Hilfe ist die gegenwärtige Lage höchst angespannt. Bleibt sie das noch für längere Zeit, wird das Projekt, das mittlerweile sechs Haushalte alleinstehender Frauen mit insgesamt achtzehn Kindern trägt, ohne neuerliche Spenden kaum zu halten sein.

Villa 2021 – wie weiter?

Aus Informationen und Bildern im Internet, aus den Berichten von „Welthaus“-Freiwilligen und anderen Besuchern der Stadt geht hervor, was sich über die Jahre in Villa alles getan hat. Unverändert geblieben aber ist das Gefühl einer Unbestimmtheit, die der Stadt von Beginn an innewohnt, einem Labor gleich, das, wie in einem ständigen Selbstexperiment, die eigene Überlebenstauglichkeit testet.

Für ihre zeit-räumliche Betrachtung gibt es vielleicht keinen geeigneteren Ort als den auf einer Anhöhe gelegenen Friedhof. Ein Gravitationspunkt der Trauer, der Erinnerungen, begrabener und weiterlebender Hoffnungen; letzte Ruhestätte von Villas unvergessener „Madre coreja“, der stellvertretenden Bürgermeisterin und Menschenrechtlerin María Elena Moyano, die 1992 von der Terrororganisation „Leuchtender Pfad“ ermordet wurde.

Im Osten: die Ruinen von Pachacámac, im Süden den Blick auf ein Villa el Salvador, das in sich eine immer deutlichere Zweiteilung erfährt: die Schere zwischen arm und reich wird größer. Da sind das neue Krankenhaus am Parque Huasca, jenem mit Klärwasser versorgten, mit einer Mall versehenen großen Freizeitpark, da gibt es eine weitere neue Mall samt Großkino im vielbesuchten Parque Industrial.

Und da sind die Wellblechhütten, die Unterkünfte in den Dünen, die Areale, die von dem Aufschwung des einstigen Nur-Armenviertels (noch) nicht profitieren. Bleibt abzuwarten, ob die Schere der sozialen Unterschiede weiterhin auseinanderklafft. Oder auch die kleineren ihren Schnitt machen können, wie derzeit noch die Frisörinnen des Salon de Belleza Annette. Der, so resümiert seine Initiatorin, für eine grandiose Erfahrung steht:

„Die Frauen haben sich unglaublich entwickelt, verglichen mit der Situation, als ich sie damals kennengelernt habe. Jetzt sind sie sehr viel selbstbewusster geworden, und das merkt man auch ihren Kindern an. Die sind jetzt alle stolz auf ihre Mütter, dass die eine Ausbildung gemacht haben, dass sie eine Arbeit haben und Geld verdienen. Und das ist eben ungemein wichtig: dass die Kinder stolz darauf sind, was ihre Mütter erreicht haben.“                    Reinold Hermanns

Der Bräutigam darf kommen: Wenn die Familie der Braut den Salon de Belleza Annette” mit festlichen Frisuren verlässt, kann die fröhliche Hochzeitsfeier beginnen.

Meldungen

Villa wird heute 50 Jahre alt

Am 11. Mai 1971 haben 2300 arme Familien ihr notdürftiges Hüttendorf im Süden von Lima zur Stadt ernannt. Daraus wurde in 50 Jahren eine Großstadt mit über 500.000 Einwohnern. Ein fröhlich ausgelassenes Geburtstagsfest gibt es heute aber nicht. Wenn trotz der Corona-Pandemie gefeiert wird, dann vor allem in den sozialen Medien.

Zoom into Villa El Salvador

Im Rahmen seiner digitalen Reihe “Zoom into …” erkundigte sich das städtische Kulturamt zuletzt nach der aktuellen Lage in Tübingens peruanischer Partnerstadt Villa El Salvador. Wer den Termin verpasst hat, kann das aufgezeichnete Video-Gespräch jetzt nachhören.

Ein herzliches Dankeschön

Wir hatten uns schon einiges erhofft für unsere notleidenden Partnerprojekte in Villa El Salvador, aber mit solcher Hilfsbereitschaft hatte niemand gerechnet: Dank der enormen Spendenbereitschaft konnten wir im Corona-Jahr 2020 über 50.000 Euro nach Villa überweisen.

Gleich zwei Mal im Fokus

Unsere Beziehungen zu Villa El Salvador sind dieser Tage gleich zwei Mal in den Fokus der Freiburger “Infostelle Peru” geraten – mit der “Geschichte einer langen Freundschaft” und mit dem Buchprojekt “Spätzle trifft Quinoa”.

Impfstoff aus China

Früher als erwartet, traf am 7. Februar eine erste Ladung Covid-Imstoff in Peru ein. Die 300.000 Dosen aus China sollen zunächst das medizinische Personal in den Krankenhäusern vor dem Virus schützen.

Endlich wieder da: Spätzle & Quinoa

Die ersten 1000 Exemplare gingen schneller weg, als es sich die Kochgruppe im “Hirsch” erträumt hatte. Jetzt gibt es ihr “solidarisches Kochbuch” wieder – bunt, kreativ, informativ und druckfrisch in dritter Auflage.