Mit vereinten Kräften gegen Covid

Villa in Zeiten der Corona-Pandemie II
Appell vor dem Einsatz: Jeden Freitag machen sich Ärzte, Krankenschwestern und andere Helfer, begleitet von Polizei und Militär, auf den Weg in die Barrios von Villa, um dort vor allem nach den Alten und chronisch Kranken zu sehen.

Weniger Covid-Kranke – aber mehr Hunger und Not

Zum Ende des Jahres hin kehrt Villa El Salvador allmählich wieder zum gewohnten Alltag zurück. Mithin auch zur Notwendigkeit, mit der Gleichgültigkeit einiger weniger zu leben, aber auch mit dem unbeugsamen Kampf vieler anderer, die einen Schutzwall gegen den möglichen Anstieg einer zweiten Corona-Welle aufbauen wollen – und das nach all der harten Arbeit, die diese Gemeinschaft mit riesigen Anstrengungen zusammen mit den Angehörigen der verschiedensten Gesundheitsberufe geleistet hat. Infolgedessen ging die Zahl der Covid-19-Fälle deutlich zurück. Aber gleichzeitig nahmen Hunger und Not mit jedem Monat weiter zu.

Aktuell liegt die Zahl der offiziell registrierten Neuinfektionen in Villa El Salvador, einem Stadtbezirk mit immerhin gut 500.000 Einwohnern, bei 218 pro Tag – mithin etwas über den Nachbarbezirken Villa María del Triunfo mit 202 und San Juan de Miraflores mit 201 Fällen. So steht es jedenfalls im jüngsten Bericht der „Direktion für integrierte Gesundheitsnetzwerke Lima-Süd“ (DIRIS Lima Sur). Die Sterblichkeitsrate liegt hier mit 3,8 Prozent noch immer relativ hoch. Aber mit einer Reihe von Gesundheitsaktivitäten, die Woche für Woche hier stattfinden, scheint sich unser Distrikt im Süden Limas doch so etwas wie eine zweite Luft verschafft zu haben.

Die TAYTA-Kampagne kümmert sich um Alte und Kranke

Eine der sektorenübergreifenden Strategien, welche die Regierung zur Bekämpfung der Pandemie hier einsetzt, ist die Operation „Hilfe zur Behandlung und Isolierung von Covid 19“ (TAYTA). Sie zielt darauf ab, sich um die am stärksten Covid-gefährdeten Bevölkerungsgruppen in ihren Häusern zu kümmern. Vornehmlich geht es dabei um Ältere über 60 Jahren und um chronisch Kranke, deren Zustand sich verschlimmern könnte, wenn sie sich mit dem Virus infizieren.

Lita Ruiz Linares vom Radio Stereo Villa hat für uns vor Ort recherchiert.

Die Operation TAYTA wird vom Gesundheitsministerium organisiert und von schnellen Einsatzteams durchgeführt, denen Ärzte, Krankenschwestern, Physiotherapeuten und Pharmazeuten angehören. Hilfestellung leisten zudem die Ministerien für Inneres und Verteidigung, die Fachpersonal aus den Fuerzas Armadas und der Policía National für diese Kampagne abstellen.

In Villa El Salvador gab es acht solcher Operationen unterschiedlichen Umfangs: sechs normale und zwei Mega-TAYTA-Operationen. Letztere haben den zusätzlichen Vorteil, dass dabei mehr Menschen an verschiedenen Orten gleichzeitig und über eine längere Zeit betreut werden können. Dabei geht man von Haus zu Haus, um je nach Bedarf Hilfe zu leisten. Dank dieser Aktionen wurden in Villa seit Beginn der Pandemie 43.828 Covid-19-Infektionen aufgedeckt.

Die Gemeinschaft – eine Säule des Kampfes

Diesen starken Rückgang in der Corona-Fieberkurve von Villa zu erreichen, war vorrangig die Aufgabe, die von der Gemeinschaft mit dem sogenannten „Comando Covid“ abgesprochen wurde. Bei diesem Comando handelt es sich um eine Gruppe von Menschen, zumeist Fachleuten, die sich für das Wohlergehen ihres Viertels einsetzen und sich als Brücke zwischen den Bürgern und Behörden verstehen. So wird in Zeiten der Pandemie in Villa El Salvador beachtet, was die einfachen Leute wollen: Ihr Führungsstab hört sich die Forderungen an und leitet sie an die Behörden weiter.

Als Krankenschwester im Hospital Edgardo Rabagliati arbeitet María Luisa Vilca an vorderster Front gegen das Corona-Virus. Daneben verbringt sie viel Zeit in ihrem Viertel, um sich die Sorgen der einsamen Kranken anzuhören. Sie hat schon viele ihrer Nachbarn an Covid-19 sterben sehen, aber dadurch hat ihre Kraft nicht nachgelassen. Im Gegenteil, mit jeden Tag, der vergeht, lebt ihre Hoffnung neu auf, endlich sagen zu können: „misión cumplida“ – Mission erfüllt.

Bis dahin aber gilt für Vilca, die fast bei allen Gesundheitskampagnen dabei ist, die Freitag für Freitag in Villa stattfinden: „Die Bürger wollen gehört und betreut werden. Es reicht nicht aus, eine Kampagne zu machen – und dann fertig. Nein. Man muss wissen, was ihre Bedürfnisse sind, wie und wann sie was benötigen.“ Und außerdem: „Die Leute müssen und wollen sich auch an diesem Kampf gegen Covid-19 beteiligen.“

Dr. Ivonne Vargas übergibt Ehrenurkunden an die Community Committees Anti-Covid-19.

Diese Erfahrung hat auch Dr. Ivonne Vargas gemacht, die Leiterin des Integrierten Gesundheitsnetzwerks von Villa El Salvador (RISVES). Ihrer Ansicht nach hat die von den einfachen Bürgern geleistete Arbeit entscheidend dazu beigetragen, die Angriffe der Corona-Viren einzudämmen: „Sie unterstützen uns seit Beginn der Pandemie bei allen Gesundheitskampagnen, sie bestärken sich gegenseitig darin, die Abstandsregel zu beachten und die Hände richtig zu waschen.“ Zudem, so Vargas, „organisierten sie in den verschiedenen Wohnvierteln unseres Bezirks eine Überwachung, die es  erleichtert, die Pandemie unter Kontrolle zu behalten“.

In dem Maß, wie die 18 Gesundheitseinrichtungen des Distrikts durch das Integrierte Gesundheitsnetzwerk von Villa aktiviert wurden, konnte die medizinische Erstversorgung der Bevölkerung wiederhergestellt werden. Das war ein fundamentaler Beitrag zur Verminderung der positiven Fälle in Villa El Salvador.

Die Not treibt viele Arme auf die Straßen

Die Pandemie hat die Geldbeutel derjenigen, die eh wenig haben, hart getroffen. Das hat immer wieder Leute auf die Straßen hinaus getrieben, um dort nach Arbeit zu suchen – ein Problem, das die Stadtverwaltung von Villa nicht lösen konnte, schon gar nicht mit der zunehmenden Verfolgung der Notleidenden. „Sie (Mitarbeiter der städtischen Verwaltung wie etwa Steuerprüfer) stellen uns nach, sie überschütten uns mit schmutzigem Wasser“, sagt eine mobile Straßenverkäuferin, die immer wieder nach Arbeit ruft, „aber wir werden weiterhin rausgehen und was verkaufen, weil wir unsere Familien ernähren müssen.“ Eine solche Situation zu erleben, hätte sie sich nie vorstellen können: „Leider hat mich die Pandemie ohne Arbeit und mit vielen Schulden zurückgelassen, aber unser Bürgermeister versteht das nicht …“

Das Corona-Virus nahm alle endemischen Probleme unserer Gesellschaft auf und maximierte sie. All die enormen Unterschiede zwischen den Peruanern kamen zum Vorschein: Kinder, die ihren virtuellen Unterricht verpassen, weil sie weder ein Smartphone noch einen Computer haben. Oder schlimmer noch, weil sie daheim weder Radio- noch Fernsehsender empfangen können, die es ihnen ermöglichen würden, dem schulischen Programm zu folgen. So viele Menschen, die sich gezwungen sehen, auf die Straße zu gehen, weil es keinen anderen Ausweg gibt. Schulden wissen nichts von Pandemien! Und dennoch – wie es die Geschichte von Villa El Salvador verlangt: Die Einwohnerschaft ist bereit sich zu erheben über das, was sie derzeit ist … ein Nichts.   Lita Ruiz Linares

„Schulden wissen nichts von Pandemien.“ Aber sie treiben unzählige Männer und Frauen hinaus auf die Straßen, um dort mit Gelegenheitsjobs oder Verkäufen aller Art ein paar Soles für ihren Lebensunterhalt zu verdienen.

Meldungen

Zoom-Konferenz mit Villa El Salvador

Das Tübinger Kulturamt lädt am Dienstag, 20. April, um 18 Uhr zu einem öffentlichen Zoom-Gespräch mit Nani Schwenninger und Mélany Panta in Villa El Salvador ein. Ganz oben auf der Themenliste stehen die aktuellen Präsidentschaftswahlen und die Auswirkungen der Corona-Pandemie.

Ein herzliches Dankeschön

Wir hatten uns schon einiges erhofft für unsere notleidenden Partnerprojekte in Villa El Salvador, aber mit solcher Hilfsbereitschaft hatte niemand gerechnet: Dank der enormen Spendenbereitschaft konnten wir im Corona-Jahr über 50.000 Euro nach Villa überweisen.

Gleich zwei Mal im Fokus

Unsere Beziehungen zu Villa El Salvador sind dieser Tage gleich zwei Mal in den Fokus der Freiburger „Infostelle Peru“ geraten – mit der „Geschichte einer langen Freundschaft“ und mit dem Buchprojekt „Spätzle trifft Quinoa“.

Impfstoff aus China

Früher als erwartet, traf am 7. Februar eine erste Ladung Covid-Imstoff in Peru ein. Die 300.000 Dosen aus China sollen zunächst das medizinische Personal in den Krankenhäusern vor dem Virus schützen.

Endlich wieder da: Spätzle & Quinoa

Die ersten 1000 Exemplare gingen schneller weg, als es sich die Kochgruppe im „Hirsch“ erträumt hatte. Jetzt gibt es ihr „solidarisches Kochbuch“ wieder – bunt, kreativ, informativ und druckfrisch in dritter Auflage.